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Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Reframing

Kindliches Verhalten ist deutungsoffen, wird aber eigentlich immer von uns als Eltern interpretiert. Zum Beispiel „verschüttet“ mein kleines Kind Wasser, als er versucht sich selbst ein Glas einzuschenken. Ich kann aus meiner Sichtweise der „Unordnung“ reagieren, indem ich sage: „Hast du schon wieder Wasser verschüttet?“ Oder ich kann aus seiner Sicht den Versuch werten, sich selbst etwas einzuschenken und sagen: „Hast du versucht, dir alleine Wasser einzuschenken?“ Wenn ich gerade optimistisch bin, sage ich dann vielleicht noch so etwas wie: „Da ist ja schon eine ganze Menge IM Glas gelandet…“

Fachbegriffe einfach erklärt: Reframing

Wie wir als Eltern auf kindliches Verhalten reagieren, hängt oft von unsere eigenen Stimmung und unserer Geduld ab. Wichtig ist zu wissen, dass wir die Möglichkeit haben, verfahrene Situationen, die sich im Machtkampf hochschaukeln, z.B. durch „reframen“ zu lösen. Reframing bedeutet, dass wir eine Situation „umdeuten“.

Dazu brauchen wir eine gewisse innere Flexibilität, uns auch mal auf die Sichtweise des Kindes einzulassen und nicht immer auf unserer zu beharren, die oft geprägt ist von Effizienz auf ein bestimmtes Ziel zu. Manchmal kann dann sogar statt einer Störung eine Hilfe für die gemeinsamen Familienziele entstehen.

Von der Störung zur Putzhilfe

Unser kleines Kind hatte eine Zeit, in der er sofort früh morgens den Staubsauger haben wollte, wenn wir gerade aufgestanden waren und das große Kind sich für die Schule fertig machen musste. Zunächst habe ich versucht, ihn Argumenten dazu zu bringen, dass wir später in Ruhe saugen können, wenn das große Kind und der Papa los sind. Da ging ein großes Geschrei los. Irgendwann habe ich mich darauf eingelassen und wir haben viele Tage morgens für ihn den Staubsauger aus dem Heizungsraum geräumt. Mit der Zeit wurde mir auch klar, dass er das braucht, um sich in dieser unruhigen Morgenstimmung an etwas festzuhalten. Und der Staubsauger hatte und hat schon immer eine Faszination für ihn. Ab dann konnte ich ihm sagen, dass es toll ist, dass er schonmal sauber macht. Das hat uns lange zu sehr sauberen Böden verholfen.

Wie das Reframen helfen kann, wenn wir im Machtkampf feststecken

Zunächst brauchen wir die Bereitschaft, auch etwas auf unsere Kinder zuzugehen – also am besten üben wir das Reframen, wenn wir selbst entspannt sind.

Zum Beispiel ist mein kleines Kind oft wild in seinem Verhalten – gerade wenn er müde wird und aufgekratzt. Er wirft dann Sachen von sich weg, springt auf andere ohne Rücksicht auf die Folgen und beißt oder kratzt. In dieser Stimmung ist es fast nicht möglich, ihn zu einem veränderten Handeln zu motivieren, da hilft nur ein Angebot, das auf sein primäres Bedürfnis reagiert – also Schlaf oder Anregung.

Ist er aber eigentlich ausgeglichen und ihn „sticht gerade mal wieder der Hafer“ und er stürzt auf mich zu in der Absicht, mich zu kneifen, sehe ich das mittlerweile schon im Ansatz.

Der Machtkampf, in den wir uns verrennen können ist dann, dass ich ihm sage, dass ich nicht möchte, dass er mich kneift, weil es mir weh tut, er es aber trotzdem macht, ich es wiederholt und schärfer sage, er es trotzdem nicht akzeptieren will, bis ich sauer bin…

Streicheln statt kneifen, küssen statt beißen

Mit Reframen kann ich bei seinem Kneifversuch reagieren, indem ich ihm z.B. sage: „Das ist aber schön, dass du mich streicheln willst!“ (was er natürlich nicht will). Augenblicklich stellt sich in seinem Gehirn ein Bild vom Streicheln ein, das kurzfristig seine eigene Handlung überlagert. Indem er sich das Streicheln also schonmal „vorgestellt“ hat, er hört mir ja zu, hat er die Möglichkeit, nun seine eigentlich geplante „Kneifattacke“ umzuwandeln, und stattdessen tatsächlich aus der Kneif- eine Streichelbewegung zu machen.

Das geht ebenso, wenn er ansetzt zum Beißen. „Oh, das ist aber schön, dass du mich küssen willst, mein Schatz!“ Zwar ist sein eigentlicher Impuls damit nicht „gelöscht“ oder ersetzt, aber es gibt uns die Möglichkeit zusammen zu lachen und vielleicht den Fokus auf etwas anderes zu lenken, als das beißen oder kratzen, z.B. darauf, zusammen etwas zu spielen.

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