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Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

An die eigene Grenze der Belastbarkeit kommen

Gestern war es mal wieder so weit – eine Situation eskaliert: Vor dem Essen legt der Kleine (3 Jahre) seine vom Barfußlaufen dreckigen Füße auf den Tisch. Der Papa rastet aus und schiebt ihn vom Essen weg. Ich meine zu dem Kleinen, er soll bitte mit nach oben ins Badezimmer zum Füßewaschen kommen.

Das ganze hat natürlich noch eine Vorgeschichte: Der Kleine war mit Schwester und Papa unterwegs, sie kamen zurück und die beiden schimpften mit ihm. Er war mit Fahrrad vom Spielplatz alleine nach Hause gefahren und hatte nicht, wie abgesprochen, gewartet. Keine guten Voraussetzungen für ein Abendessen, zumal der Kleine sowieso nicht gerne sitzen bleibt. 

Beim Essen habe ich schon sehr gerne meine Ruhe… Eigentlich hatte ich keine Lust, mir mein Essen verderben zu lassen, auf Streiterei am Tisch hatte ich aber noch weniger Lust – so oder so: es war klar, das mit dem ruhigen Essen wird nichts. So beendete ich voreilig mein Essen, um mein kleines Kind endlich in eine Umgebung zu bringen, in der er zu sich kommen kann. 

Eines der Dinge, die ich als Mama eines Schreibabys sehr schnell lernen musste, war, vorausschauend zu handeln: jetzt noch entspannt, konnte die Situation von jetzt auf nachher kippen. So handhabe ich das noch heute: der Kleine wird „aggressiv“ – aha, er musste bisher immer nur „mitlaufen“ und hatte selbst noch keine Umgebung, in der er selbstbestimmt in seinen „Flow“ kommt. So handhabe ich das „eigentlich“ – außer ich bin selbst am Ende meiner Geduld angelangt…

Der Kleine war unerlaubterweise schon aufgestanden und hatte sich in der Hängematte verkrochen. Nachdem ich meinen Teller weggetragen hatte, meinte ich zu ihm nocheinmal, er solle bitte zum Füßewaschen mit nach oben kommen. Er kam natürlich nicht – das war gerade nicht seine Stimmung – zu machen, was andere von ihm wollen. Hatte er ja die ganze Zeit schon von Papa und der Schwester zu hören bekommen. Für ihn war Zeit für Selbstbestimmung.

Da platzte mir sowas von der Kragen. Die Weigerung mitzuhelfen, machte mich so wütend, dass ich nicht mehr denken konnte. So lange üben wir jetzt schon eine entspannte Essenssituation. Für ihn machen wir beim Essen möglichst einen ganz klaren Anfang und ein klares Ende, damit er Struktur und Orientierung hatte. Und genau, wenn wir alle mal dringend aufatmen müssen, macht er – in diesen Momenten gefühlt „immer“ – etwas, das er nicht soll. In dem Fall, einfach vom Essen aufzustehen.

Ich konnte nicht anders. Ich schritt auf ihn zu – mit aufgerissenen Augen fing er schonmal an zu heulen – und rief: „Nein, Mama, nein“. In mir gibt es dann einen inneren Anteil, da finde ich das ganz furchtbar, dass ich das Kind so in Angst und Schrecken vor mir sehe. Dieses Mitleid kommt dann aber nicht an die Oberfläche. Stattdessen packte ich ihn und riss ihm seine kleinen Händchen von der Hängematte weg. Ich schnappte ihn mir aus der Hängematte (sagte ihm zumindest noch vorher, dass ich ihn jetzt hoch nehme ;-)), und schleppte ihn heulend unter dem Arm nach oben ins Badezimmer. 

Ich bin nicht stolz auf solche Aktionen. Es zeigt mir deutlich meine Grenzen auf, und meinem Kind, dass ich nicht immer voll Geduld und ihm zugewandt sein kann. Darf ich das? Nein, natürlich nicht. Tue ich ihm weh? Ja, und in dem Moment bin ich extra grob – weil es mir egal ist. Früher wurden die Kinder dann übers Knie gelegt und verprügelt – ist das bei mir etwas anderes? Was würde ich tun, wenn ich diese Grenze überschreiten würde, weil ich es nicht besser weiß? Weil ich nicht aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr eine kleine Kinderseele daran Schaden nehmen kann? Glücklicherweise habe ich diese Erfahrungen gemacht und habe das Wissen, um da eine ganz klare Grenze ziehen zu können. Und im Zweifelsfall aus der Situation gehen kann.

Im Badezimmer stellte ich ihn in die Wanne, drückte ihm den Duschkopf in die Hand, holte die Seife und begann die Fußsohlen abzurubbeln. Er hüpfte davon, das Wasser war erst viel zu heiß. Ja – meine Feinfühligkeit ist in diesen Momenten im Urlaub… Dennoch trat ab da ein Effekt ein, auf den ich gehofft hatte – die Entspannung der Badewanne. Langsam schaltete sich mein Denken wieder ein. Aus dem Fußbad machte ich gleich ein Vollbad. Entschleunigung war angesagt.

Badewanne ist ein todsicherer Lernort, der immer geht. Und ich merkte, wie ich selbst in dieser Umgebung begann, aufzuatmen. Mir wurde bewusst, wie gestresst ich selbst bin und dass ich bis dahin an diesem Tag keine schöne Spielzeit mit meinem Kleinen hatte. Und ich machte etwas, was ich ebenfalls während der „Schreibabyzeit“ gelernt habe: Ich nahm mir einfach eine halbe Stunde Zeit, „nichts“ zu tun, als „nur“ da zu sein.

Und sofort entspannte sich die Situation, die Stimmung unser Verhältnis. Der Kleine begann zu waschen, zu wischen, einzufüllen – mit dem Duschkopf, der Seife, mit einer alten Duschgelverpackung und vor allem: viel Wasser.

Als der Papa und die Schwester später ins Bad kamen, meinte ich, ob sie uns bitte eine Zeit noch alleine lassen können. Ein kleiner heil(ig)er Raum entspannte sich dort im Waschraum, zwischen uns, in uns selbst. Der Kleine wollte dann Haare waschen, später eine Stehleiter im Wasser haben, um die Fenster mit dem Schwamm wischen zu können. Und ich saß dabei, war ansprechbar, aber nicht initiativ. Und genoss unser Beisammensein.

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