Kostenlos anmelden zur 4-Wochen-Begleitung vom 11. April bis 6. Mai

Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Wie stimme ich mich mit anderen ab?

Wir (meine Mutter, der mein 4-jähriger und ich) sind in einem Schwimmbad mit zwei Becken: ein eher frischen Sportbecken und ein schön warmes Kinderbecken mit knietiefem Wasser. Meine Mutter schlägt vor, ob sie sich nicht zusammen abkühlen und wieder schnell ins warme Becken huschen wollen. Mein Kind stimmt zu: Ein „heiß-kalt“-Spiel? Das macht Spaß und spielt er selbst in der Badewanne.

Er geht meiner Mutter nach. An der Leiter zum flachen Kinderbereich im Sportbecken zögert er. Warum? Er hat am eigenen Leib erfahren, dass er, wenn er den Boden verliert, untergeht. Und keine Luft mehr bekommt. Ich stehe neben ihm und warte ab. Zum ersten Mal fragt er mich, ob ich ihn trage. 

Den Boden unter den Füßen verlieren

Den Boden unter den Füßen verlieren bedeutet größtmögliche Unsicherheit, es bedeutet Lebensgefahr. Und sein Körpergedächtnis weiß das. Es ist kein kognitives Konzept, etwas, was ihm jemand gesagt hat. Es ist seine eigene Erfahrung, als er die ersten zwei Male in ein Kinderbecken gegangen und dort das Gleichgewicht verloren hat. (In diesem Artikel habe ich Prozess beschrieben.

Begleiten ohne einzugreifen

Diese hautnahe Erfahrung wird in seinem Körpergedächtnis lebenslang gespeichert sein und ihm in späteren risikoreichen Situationen helfen. In der Schule wird dies unter dem Schlagwort „Wagniserziehung“ anzubahnen versucht. Wesentlich effizienter ist es in der 1:1 Betreuung. Als Mutter brauche ich dazu einen Blick, eine entsprechende Sichtweise, Wesentliches zu sehen und zuzulassen. Diesen Blick kann ich entwickeln, wenn ich weiß worauf zu achten ist.

Ein guter Beginn ist es, das eigene Kind „nur“ zu beobachten, anwesend zu sein. Ich sammle gerne Erlebnisse, die mein Kind gerade beschäftigen. An diesem Tag waren es folgende Themen:

  • Springen: eine Art Bauchklatscher im Wasser nach vorne auf die Wasseroberfläche mit anschließendem Untertauchen,
  • Tauchen mit Taucherbrille: er bleibt immer länger unter Wasser,
  • die Leiter hinunter ins kalte Sportbecken gehen und in meine Arme gleiten: Zum ersten Mal hat er mich gefragt, ob ich ihn trage,
  • ein gemeinsames Transportspiel: ich setze ihn an der Treppe auf der anderen Seite des Beckens ab, die er schnell nach oben zum sicheren Boden draußen läuft.

Wie stimme ich mich mit meiner Mutter ab?

Ich vermute, du kennst den Konflikt, wenn andere noch ein altes Modell von „Erziehung“ haben und du dir einen anderen Umgang mit deinem Kind wünschst? Bei mir war es ein langer Prozess:

  1. festzustellen, dass ich einen bindungsorientierten Umgang mit meinem Kind möchte,
  2. die Rahmenbedingungen dafür zu organisieren,
  3. beziehungsorientiert mit anderen darüber zu sprechen,
  4. einen beziehungsorientierten Umgang für mein Kind bei anderen zu fordern,
  5. fünfe grade sein zu lassen und nicht immer einzugreifen, wenn eine andere Person etwas für mich „falsch“, also nicht passend, macht im Umgang mit meinem Kind.

Eigene soziale Netze neu aufbauen

Letztendlich habe ich mir tatsächlich Menschen gesucht, die einen ähnlichen Umgang mit ihrem Kind möchten. Diese findest du in Kitafrei-Gruppen, z.B. über facebook, wo du lokale Netzwerke anfragen kannst. Hier vernetzen sich die Kitafrei-Mamas vor Ort über einen Messenger (Whatsapp).

In meinem Umfeld habe ich Kontakte zu Menschen, die einen anderen Erziehungsstil bevorzugen, auf ein Minimum reduziert. Nur mit Menschen, die mir sehr wichtig sind, tausche ich mich aus, weshalb ich Zwang im Umgang mit meinem Kind nur im äußersten Notfall rechtfertigen kann. Das sind mein Mann und meine Mutter. Denn auf ihr Verständnis und ihr Bemühen, mich zu verstehen und zu unterstützen kann ich zählen. Das habe ich in vielen Situationen mit ihnen durchlebt, durchstritten und abgestimmt. 

3 Tipps für die Absprache mit anderen

Bitten formulieren

Mit meinem Mann hat sich herausgestellt, dass eine freundliche Bitte weit führt. Ich sage z.B. im Schwimmbad zum ihm: „Ich möchte dich bitten, dass du dich zurückhälst, wenn du mit ihm ins Becken gehst.“ Das erinnert ihn daran, mehr in die Beobachtung zu gehen.

Über den eigenen Ansatz informieren

Mit meiner Mutter spreche ich manche Situationen durch, die wir gemeinsam erleben. Ich erzähle ihr, was der Ansatz des „natürlichen Schwimmens“ (Evelyn Poudubrin hat dazu geforscht und eine Online-Schwimmschule). Ich begründe von der Gehirnforschung her, was es heißt, das Kind zu begleiten ohne einzugreifen.

Lächelnd über Dinge hinwegsehen

Am schwierigsten ist es für mich zu respektieren, dass andere einen eigenen Umgang mit dem Kind entwickeln. Es entsteht eine eigene Beziehung. Es hilft mir zu verdeutlichen, wenn mein Kind sehr gerne mit anderen zusammen ist. Mit dem Papa zum Beispiel, weil er entspannt ist und sich wenig Gedanken darum macht, was „richtig“ und „falsch“ ist. Das macht den Umgang mit ihm einfacher – bis der nächste große Machtkampf kommt 😉 In den ich eingreife, auch wenn ich es „eigentlich“ nicht will 🙁 Nobody ist perfect…

Meine Nachbarin hat einen schönen Umgang mit ihren Großeltern entwickelt, die häufig ihr kleines Kind (1 Jahr) betreuen. Sie greift nicht direkt ein, kommuniziert aber immer wieder, was sie und ihr Mann sich im Umgang mit der Kleinen wünschen. Zum Beispiel, dass sie weinen und ihr Gefühl durchleben darf und nicht sofort abgelenkt wird. Sie sieht zwar Dinge, die sie nicht gut findet, kann aber lächelnd darüber hinwegsehen.

Den eigenen Spaß kultivieren

Mir selbst hilft, wenn ich mein Kind anschaue und verstehe, wie sehr er sich an seiner eigenen Lust an Dingen orientiert. Es gibt mir die Erlaubnis, mir einzugestehen, worauf ich gerade Lust habe. Meinem inneren Kind Raum zu geben. Es ist der Zauber, der entsteht, wenn ich mit meinem Kind zusammen bin: die gemeinsame Lust am freudvollen Tun. 

Im Schwimmbad habe ich wieder Lust am Tauchen mit Taucherbrille gefunden. Ich erforsche gerne das Becken unter Wasser, tauche mal schnell ab, bin dann mal weg… So endete auch unser Schwimmbadausflug: eine Kombination aus dem Transportspiel mit meinem Kind und meinem eigenen Tauchspiel. Er rannte von Treppe zu Leiter, ich tauche durchs Becken dorthin und hole ihn ab, das Ganze beginnt von vorne.

Meine Mutter schläft derweil entspannt auf der Liege – da hat sie gerade Lust drauf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Familienpraxis Dr. Simone Lang

Cart Overview