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Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Mein Blog

Bindungsorientiert und bedürfnisorientiert

Zähneputzen – eine never ending story?

Kennst du das? Abends, wenn sowieso in der Familie alle müde sind und nuroch ins Bett wollen, weigert sich dein Kind fürs Zähneputzen den Mund aufzumachen?

Mein jüngeres Kind hatte einen massiven Widerstand, sich die Zähne putzen zu lassen. Gefühlt half alles nix: Kein Gut-Zureden, keine Absprachen, kein Druck. Denn nach Zwangausübung fühlte ich mich gelinde gesagt ziemlich sch… Mist. (Und mein Mann und ich wundern uns, warum mein Kind Schimpfwörter kennt 🙂 )

Heute, nach einem halben Jahr, hat sich unsere Situation merklich entspannt.

Zähneputzen muss sein

Eins ist klar: meine Zähne sind durch mangelnde Pflege in der Kindheit überall von Karies befallen gewesen und wurden in schmerzhaften Sitzungen beim Zahnarzt behandelt. Das möchte ich meinem Kind ersparen. Ich möchte, dass meine Kinder gesunde Zähne haben und, dass Zähneputzen bindungs- und bedürfnisorientiert abläuft.

Doch es gibt so einige Schwierigkeiten dabei. 

  • Wie gehe ich mit meinem Kind um, so dass er und ich bekommen, was wir brauchen?
  • Wie gestalte ich demnach unsere Situation, die schon ein Problem geworden ist?
  • Wie finden Dinge Berücksichtigung, die nur zweitrangig mit der eigentlichen Weigerung meines Kindes zu tun haben? (Zum Beispiel die Absprache mit meinem Partner?)

Es ist irgendwann klar: wir brauchen eine Entschleunigung der Zahnputzsituation. Es braucht eine bewusste Zuwendung zum Widerstand meines kleineren Kindes, um für mich, meinen Mann und die Schwester die Stimmung am Abend zu entspannen. 

Wie ist das bei dir?

Hast du eine grundsätzlich eine entspannte Abendroutine? Oder laufen abends noch andere Sachen aus dem Ruder? Was macht am meisten Probleme, also hat die höchste Priorität? 

Was sind deine „Nebenschauplätze“? Kannst du dich ganz auf die Situation selbst einlassen oder spielen noch andere Personen, Geschwister, Mann eine Rolle und stören dich in einer entspannten Grundhaltung? Gibt es „innere Personen“, die Schwiegermutter, Personen aus der eigenen Kindheit, die dich bestimmen und abhalten, das zu tun, was du eigentlich willst? 

Bist du mit deinem Verhalten deinem Kind gegenüber zufrieden? Wenn nicht, was stört dich an dir selbst?

Zähneputzen: wie es trotz guter Idee bei uns schief gegangen ist 🙂

  • Das Ganze mit Humor nehmen – klappt gut, wenn ich selbst entspannt bin und wir viel Zeit nach hinten haben,
  • das ganze Aussitzen – auch das nur, wenn Zeit nach hinten ist und ich WIRKLICH Geduld habe,
  • ihm eine Geschichte erzählen: von Karius und Baktus, und ihm erklären, warum Zähneputzen wichtig ist – hilft meistens nur kurz, dann überwiegt das Unlust-Gefühl beim „Geputzt-werden“,
  • überlegen, wo er in anderen Situationen sich gerne helfen lässt: z.B. beim Popo abputzen – und mich so verhalten, wie ich es dort tue (nämlich ihn nach mir rufen lassen, wenn er fertig ist), –> da geht er meistens aus dem Badezimmer und spielt lieber,

6 Tipps, wie Zähneputzen spielerisch gelingen kann

  1. nichts mehr für ihn machen, bis wir nicht Zähne geputzt haben,
  2. alle Dinge, die er entscheiden kann – welche Zahnpasta, Motor an oder aus, wo hinsetzen – ihn entscheiden lassen, die Entscheidung für Zähneputzen generell aber treffen,
  3. eine Routine schaffen, dass nach dem Abendessen immer gleich die Zähne geputzt werden,
  4. an einem anderen Platz putzen, wenn der alte Platz gefühlsmäßig schon negativ besetzt ist,
  5. für Ruhe sorgen, dass sich nicht noch zwei weitere Personen im Badezimmer aufhalten und Geräusche machen,
  6. für mich ein Spiel daraus machen – wie lange brauche ich wohl, bis sich das ein bindungs- und bedürfnisorientiertes Zähneputzen bei uns beiden etabliert hat? 3 Wochen? 3 Monate? Drei Jahre? Schaffe ich es vielleicht schneller als gedacht?

Zähneputzen sechs Monate später

Mein Partner und ich haben begonnen, wieder achtsamer miteinander umzugehen. Das war ein längerer Prozess. Meine große Tochter hilft unglaublich gut mit – außer sie ist selbst zu kaputt. Es ist nach wie vor eine Aufgabe, die Situation am Abend zu entschleunigen und genügend Zeit einzuplanen. Und ab und zu geht es noch immer schief.

No family is perfect 😉 Hauptsache, es passt für uns.

Mein Anliegen ist immer auch ein pädagogisches: Ohne eine Orientierung an den Bedürfnissen von allen, auch denen der Kinder, kann es funktionieren. Nur wo bleibt die Liebe?

Ungerechtigkeit als Mutter in der Gesellschaft

Es ist Zeit oder: Meine Wut als Mutter über systemische Ungerechtigkeit

Noch heute wird vielen Frauen und Müttern in der Familienarbeit wie auch im Gesellschaftsrecht vorgeschrieben, was als Mutter „richtig“ ist. Es ist an der Zeit, einige Irrtümer und Glaubenssätze aufzudecken. Deshalb berichte ich hier aus meinem eigenen Muttersein. Denn: Das Private ist in höchstem Maße politisch. 

Außerdem analysiere ich den Rahmen, in dem ich als Mutter in Deutschland lebe, und komme zu der Schlussfolgerung, dass es Zeit ist. Zeit, mutige und innovative neue Schritte zu gehen. Doch in diesem Artikel geht es nicht um meine eigenen, mutigen und innovativen Schritte hin zu einer bindungs- und bedürfnisorientierten Beziehung zu meinen Kindern, sondern um den Rahmen, den Mütter im Allgemeinen für ein gelingendes Muttersein brauchen. Mutterschaft braucht einen vor allem einen finanziellen Rahmen, in dem die eigenen, persönlichen Schritte gut abgesichert sind. Alle Mütter – egal ob verheiratet oder unverheiratet. Diesen Rahmen benenne ich ganz konkret in gesellschaftspolitischen und Forderungen.

Meine eigene Trauer

Ich noch heute, zehn Jahre nach meinem beruflichen Aus an der Universität bin ich manchmal verbittert, wütend oder traurig darüber. Damals sah ich mich gezwungen, meine sehr gut bezahlte, unbefristete Stelle als Dozentin an der Universität aufzugeben. Hauptsächlich aus dem Grund, dass ich Mutter wurde. Mein Kind war ein Schreibaby, das heißt, ich hatte die ersten eineinhalb Jahre bestenfalls 2-3 Stunden Schlaf am Stück. Die beiden kinderlosen Professoren des Institutes hatten kein Verständnis für mich. Universitäre Unterstützungssysteme wie die Mobbingbeauftragte des Personalrates oder die Frauenbeauftragte haben mir nicht geholfen – im Gegenteil. 

Außerdem holten mich während der ersten Jahre viele alte Verletzungen der eigenen Kindheit ein, die erst allmählich beginnen zu heilen. Über die Heilungsarbeit berichtete ich teilweise in meinem Blog.

Meine eigene Existenz war lebensgefährlich bedroht

Meine eigene Existenz und die Existenz meines ersten Kindes waren durch das Aus in meinem Beruf lebensgefährlich bedroht. Existenz meint hier: meine physische, psychische und emotionale Gesundheit von mir und meinem Kind. 

Physisch

  • da mein Körper nach der Geburt heilen musste, 
  • aufgrund der zusätzlichen körperlichen Belastung, das Kind zu tragen, zu wickeln etc.,
  • durch den fehlenden Schlaf.

Psychisch

  • durch die aufkommenden eigenen Kindheitstraumatas,
  • durch fehlende Informationen, was Mutterschaft WIRKLICH bedeutet,
  • durch die hormonelle Umstellung des Körpers, die bewirkte, dass ich mich unter anderem emotional stark an das Kind gebunden fühlte und eine hochsensible Wahrnehmung für Gefahren hatte,
  • durch die Überlastung,
  • durch den Schlafmangel und die permanente Übermüdung noch nach Jahren.

Emotional

  • durch die gefühlte Unsicherheit und einem Gefühl von fehlenden Schutz in verschiedenen Lebenssituationen,
  • durch fehlendes„Genährt-Werden“ in meiner neuen Lebenswirklichkeit als Mutter,
  • durch fehlende emotionale Unterstützung in Beruf und Familie,
  • durch fehlende Anerkennung und Würdigung meiner Leistung als Mutter,
  • durch die Verunsicherung der eigenen körperlichen Veränderungen.

Wer hier Unterstützung sucht, der empfehle ich Ritualarbeit, so wie sie beispielsweise Alexa Szeli anbietet.

Finanziell gerettet hat meine Existenz als Mutter und die meines Kindes mein Status als verheiratete Frau.

Der gesellschaftliche „Normalzustand“ als Mutter

Eine Rückkehr in einen „Normalzustand“ wir vor der Geburt ist noch heute begrenzt möglich. Diese Heilungsarbeit in engerem Sinne hat beim ersten Kind 12 Jahre, beim zweiten etwa 4 Jahre gedauert und ist insgesamt noch nicht abgeschlossen. Als Mutter bin ich gesetzlich 18 Jahre verpflichtet, meine Kinder voll zu verantworten. Nach dem 18. Lebensjahr bei der Finanzierung der Ausbildung beispielsweise auch weiterhin. Das bildet meinen eigenen Wunsch ab, meine Kinder lebenslang zu begleiten. 

Allerdings werden mir gesetzlich diese Pflichten aufgebürdet ohne einen entsprechenden finanziellen Ausgleich. Dies geht systemisch insofern nicht auf, da der Fortbestand unserer Menschheit von unserer Arbeit als Müttern abhängt. Natürlich würde sich das Ganze regeln: Ich sorge jetzt für meine Kinder und später, wenn ich alt bin, sorgen meine Kinder für mich. 

In unserem Gesellschaftssystem habe ich die Aufgabe, für meine Kinder zu sorgen, wenn ich allerdings nicht noch ZUSÄTZLICH erwerblich arbeitete, sind meine Kinder später rechtlich NICHT verpflichtet, für mich zu sorgen.

Einige „Fun-Facts“ zu dem Unterschied von verheirateter und unverheirateter Mutter, die gar nicht so lustig sind

Die Corona-Energieausgleichs-Pauschale

Ganz konkret habe ich diese Ungerechtigkeit aktuell gespürt, als es um den Energieausgleich von 300 Euro der Regierung für den entstandenen Energie-Mehraufwand während der Corona-Lockdowns ging. Hier geht es nur um Energie wie Strom, Wasser etc. nicht um den erhöhten persönlichen Energieaufwand in Form von Stress 😉 als Mutter bekomme ich diese finanzielle Unterstützung nicht – klar, ich hatte ja auch keinen Mehraufwand… Sorry, Sarkasmus. 

Der Vater der Kinder bekommt die 300 Euro zusätzlich zu seinem erwerblichen Lohn ausgezahlt. Wäre ich keine verheiratete Mutter, würde ich nichts bekommen. Zumindest ist mir kein Formular bekannt, über das ich diese Pauschale beantragen könnte, wäre ich unverheiratet. Sollten Sie als LeserIn andere Informationen haben, freue ich mich über die Erweiterung meines Horizontes. 

Die Übernahme der Krankenkassenkosten

Im Zuge meiner eigenen beruflichen Neuorientierung war ich offiziell zwei Jahre im Haupterwerb selbständig und habe monatlich etwa 220 Euro an die Krankenkasse als Sozialversicherung für mich und meine Kinder gezahlt. Da ich von dem Erwerb nicht leben konnte, bin ich seit einiger Zeit offiziell im Nebenerwerb selbständig. Sowohl die Kinder als auch ich sind nun über meinen Mann sozialversichert, was toll ist und ich sehr zu schätzen weiß. Denn die Familienarbeit bleibt die gleiche – wir haben in unserem Familiensystem lediglich intern einige Umstrukturierungen vorgenommen. Diese kommen vor allem den Kindern und mir zugute, da es alle Prozesse entschleunigt und entspannt. Und mein Mann profitiert natürlich auch davon. 

Durchdenke ich diese Regelung, wenn ich eine unverheiratete Mutter wäre, müsste ich mich entscheiden. Entweder Hartz 4 und entschleunigte Prozesse in der Familie, so dass zum Beispiel mein kleines Kind wieder viel ruhiger und ausgeglichener ist, als zur Zeit meiner Arbeit meiner haupterwerblichen Selbständigkeit. Oder die eigene Übernahme der Krankenkassenkosten für mich und die Kinder. Dann wäre Stress und Unzufriedenheit meine ständigen Begleiter. Mein kleines Kind würde es vermutlich in eine ADHS-Symptomatik treiben.

Ehegattensplitting – die staatliche Subventionierung der Ehe

Dadurch, dass ich mit meinem Mann zusammen in einem Haushalt wohne, spare ich eine Menge Kosten. Schließen wir eine Versicherung ab, sind wir beide versichert. Bestellen wir Einkäufe, läuft die Servicepauschale – ob wir jetzt eine oder zwei Personen sind. Die Wohnungsnebenkosten für die Kinder und uns selbst teilen wir uns – eine Müllabfuhr muss nur zu einem Haus und nicht zu zwei Wohnungen kommen, wäre ich unverheiratet und getrennt von dem Vater lebend. 

Eine große Unterstützung ist die steuerliche: Als unverheiratete Frau hatte ich Steuerklasse 1, nun haben mein Mann und ich beide Steuerklasse 4. Zu den eingesparten Kosten durch das Zusammenleben, werden wir steuerlich unterstützt. Allerdings werden Kinder hier in keiner Weise berücksichtigt. Lediglich ein Kinderfreibetrag wird uns angerechnet. Wäre ich unverheiratet, müsste ich mehr Steuern zahlen. Wäre ich dazu noch mit Kindern alleine lebend, hätte ich zusätzlich eine erhöhte Familienarbeit.

Rentenansprüche

Das klingt ziemlich nach einem Paradies als verheiratete Mutter. Doch es gibt auch hier noch ein paar Tücken. Dadurch, dass ich zwar gesetzlich verpflichtet bin, für meine Kinder mindestens bis zu ihrem 18. Lebensjahr zu sorgen, sie aber nicht verpflichtet sind, für mich zu sorgen, wenn sie erwerbsfähig und ich langsam nicht mehr erwerbsfähig bin, muss ich mich finanziell mit dem begnügen, was der Staat als notwendig für mich ansieht. Dass dies nicht so ist, dass ich entspannt und vergnügt im Alter mein Leben gestalten kann, ist hinreichend bekannt und belegt. Nicht nur das. Als unverheiratete Mutter ohne Erwerb könnte ich mit meiner Rente – wie mit dem Hartz 4 Geldbetrag und dem Betrag, den der Vater für die Kinder zahlt, nur mit großen Sorgen und in Armut überleben.

Geld oder Ehre?

In den schamanischen Traditionen gibt es immer Menschen, die „umsonst“ arbeiten und darauf vertrauen, dass für sie gesorgt wird, und Menschen, die etwas für ihre Heilungsarbeit verlangen. Erstere sind eventuell weniger materiell vermögend, werden aber seelisch durch die Anerkennung ihrer Leistung in Form von „Ehrung“ und freiwilligen Gaben genährt.

Wie ist es in unserem Gesellschaftssystem hier in Deutschland geregelt?

Werden die Mütter – können sie sich zumindest die Anerkennung ihrer Leistung sicher sein, wenn sie schon kein Geld damit verdienen? Ist die Mutterschaft in Deutschland ein gesellschaftlich anerkanntes und offiziell gefördertes „Ehrenamt“?

Als verheiratete Mutter ist der Vater das gesellschaftliche Absicherungssystem. Gerade in den ersten Kinderjahren kann der Verlust dieses Status´ existenzbedrohend sein – für Mutter und Kinder. 

Als unverheiratete Mutter, die ihren Mutterpflichten nachkommt, gibt es die Wahl zwischen Unzufriedenheit und Stress in der Familienarbeit, dafür aber finanziellem Überleben oder einem Leben in finanzieller Armut mit ausreichend Zeit für die Kinder. Die Zeit ist dann qualitativ durch Existenzängste und Sorge um das eigene und das Überleben der Kinder geprägt sein. Wenn die Mutter finanzielle Unsicherheit bis hin zur Existenzbedrohung – von der physischen Existenzbedrohung durch den Geburtsvorgang reden wir hier noch nicht einmal – in Kauf nimmt, müsste ihr doch zumindest die Ehre im Sinne einer Anerkennung ihrer Lebensleistung zustehen, oder?

Ehre in der Familienarbeit für den Vater

Damit bekommt der Vater die Anerkennung seiner Arbeitsleistung, die „Ehre“ in mehrfacher Hinsicht:

  • Er erhält die Anerkennung von Mutter und Kindern für seine finanzielle Leistung.
  • Erwerbsarbeit wird höher gewertet als die Be-/Erziehungsarbeit mit den Kindern. Wer das Geld nach Hause bringt, entscheidet oft, wie und für was verwendet ausgegeben wird,
  • Fühlt er sich beruflich wohl, hat er die Anerkennung in einem weiteren Lebensbereich außerhalb der Familie.

Ehre in der Familienarbeit für die Mutter

  • Es gibt keine Rituale, welche die Leistung der Geburt der Mutter feiern. Nicht die Mütter, sondern die Kinder werden mit dem „Geburtstag“ geehrt. Die Lebensleistung der Mutter wird damit unsichtbar gemacht.
  • Es gibt keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mütter sind demnach nach dem ersten „Babyjahr“ existentiell abhängig von ihrer beruflichen Existenz oder dem Vater, wollen sie nicht mit sehr wenig Geld oder in Stress und Unzufriedenheit überleben. Das Gefühl der Abhängigkeit steht dem Gefühl des Gewürdigt-Seins konträr entgegen. Es fehlt die Anerkennung der Leistung als Mutter.

Mir ist der Punkt der Ehre so wichtig, weil wir Mütter gerade in den ersten, extrem anstrengenden Kinderjahren, von der emotionalen Zuwendung anderer leben und abhängig sind wie nie zuvor und nie danach in unserem Leben. Wir können die Kinder nur gut emotional nähren, wenn auch wir emotional satt und zufrieden sind.

Systemische Verschleierung der Tatsachen

Vor allem wird die Aberkennung der Mutterehre allzu oft und gerne durch Tatsachen und Worte verschleiert. Im allgemeinen Sprachgebrauch heißt es: Das Kind wurde am … geboren. Die Mutter ist in dieser gängigen Formulierung unsichtbar. Besser wäre es, zu sagen: „Die Mutter hat das Kind am … geboren.“

Im Magazin der gesetzlichen Rentenversicherung lese ich von der „Rentenfalle“ der Mütter, die gerade nach dem zweiten Kind oftmals der Erwerbsarbeit in nachgehen. Damit liegt in der Formulierung und im Wortsinn die Schuld bei den Müttern.

„Familienarbeit“, dies zeigt sich in der „Rentenfalle“, ist in der gesellschaftlichen Realität vorrangig Müttersache. Es ist damit genau genommen in erster Linie Mutterarbeit und keine Familienarbeit.

Konsequenzen

Aus den oben genannten Punkten leite ich Forderungen ab, welche die öffentlichen politischen Einrichtungen neu regeln müssen. Umsetzbar sind sie dann von Krankenkassen, Unternehmen und politischen Einrichtungen.

Die fehlende Unterstützung der Mütter zeigt sich erstens in der Tatsache des Ehegattensplitting: Egal ob Kind oder nicht, eine Ehefrau oder ein Ehemann ohne Kinder profitieren von der gesetzlichen Steuerregelung. Mutterarbeit wird in der gesetzlichen Steuerlast nicht berücksichtigt. Dies ist umso bitterer, da die Mütter für den Erhalt der Menschheit arbeiten. 

1. Die Verteilung der steuerlichen Last muss so geregelt werden, dass Mütter mit Kindern entlastet werden.

Eine staatliche Subventionierung der Ehe als Lebensform, sprich das Ehegattensplitting, muss abgeschafft werden. Die Ehe hat ihren Platz in der rituellen Anerkennung als besonderer Lebensform, in der sich zwei Menschen füreinander entscheiden. Eine eine finanzielle Aufwertung der Ehe als Lebensform darstellt kann nicht durch eine besondere Belastung dieser Lebensform gerechtfertigt werden, im Gegenteil. 

2. Die Corona-Energieausgleichs-Pauschale muss unabhängig von einer Berufstätigkeit allen Menschen mit Kindern ausgezahlt werden. 

Es ist zu überlegen, ob sie sich an der Kinderzahl orientiert, an den Müttern oder pro betreuender Person, z.B. für Mutter und Vater oder Mutter und Großmutter, ausgezahlt wird. Die Anerkennung der Betreuungsleistung erfolgt durch Selbstangabe und kann bis zu dreimal pro Familie erfolgen.

3. Die Krankenkassenkosten müssen neben den Kindern auch generell für Mütter bis zum 18. Lebensjahr des letzten Kindes übernommen werden. 

Dabei ist es wie bei den Kindern irrelevant, ob die Mutter einer Berufstätigkeit nachgeht oder nicht. Begründet werden kann dieses Vergehen mit dem besonderen Schutz, der der Mutter nach dem Grundgesetz zusteht.

4. Die Geldbeträge für Mütter müssen sich an der Lebenswirklichkeit unverheirateter Mütter ohne Erwerbsarbeit orientieren. 

Die Höhe der Beiträge dürfen sich nicht an einem reinen Überleben überleben, sondern an einem Leben im Wohlstand. Dieser Wohlstand wird von den Müttern selbst definiert. Die Begründung ist die aktuell bestehende psychische Überlastung und Armut von Müttern in Deutschland.

Die finanzielle Absicherung muss ein Leben ohne Armut in den Phasen der besonderes anstregenden Mutterarbeit sicher stellen. Mutterarbeit bedeutet: Bis das letzte Kind 18 Jahre alt ist und in Phasen der Ausbildung der Kinder danach. Dabei müssen die Mütter regelmäßig befragt werden, ob sie selbst die Geldbeträge als ausreichend empfinden. Ist dies bei mindestens 30% nicht der Fall, muss die finanzielle Unterstützung erhöht werden.

Die berufliche Anerkennung haben sich Mütter gegen alle Widerstände hart erarbeitet. Mütter erbringen eine besondere Leistung: sie treten durch die Geburt ihres Kinder neu in die Phase der Mutterschaft ein. Sie stellen sich neu auf ihre Mutterarbeit um und sind gerade in den ersten vier Jahren besonders belastet. Sie sind mindestens achtzehn Jahre über die Kindheit hinweg Tag und Nacht für andere Menschen verantwortlich. Sie tragen den Fortbestand der menschlichen Kultur in besonderem Maße. Nach der Phase der Umstellung von Erwerbsarbeit auf Mutterarbeit und haben viele Mütter ein großes Interesse, auch berufliche Anerkennung zu erhalten. Mütter müssen in den besonderen Lebensphasen der Umstellung von Erwerbsarbeit auf Mutterarbeit und hin in die Erwerbsarbeit zurück mit zusätzlicher Mutterarbeit in besonderer Weise unterstützet werden.

5. Um Mütter in ihren besonderen Leistungsphasen der Umstellung von Erwerbsarbeit hin zu Mutterarbeit und zurück zu unterstützen, brauchen wir eine Mütterquote von mindestens 30% in Unternehmen und Politik.

Die Forderungen sind ein Anfang und erweiterbar.

Forderungen an Politik

Für diese Forderungen braucht es Unterstützung von möglichst vielen Müttern in genau jenen Einrichtungen, die ihr Bedürfnis nach einem gesellschaftlichen Rahmen, der eine gelingende Mutterarbeit, die nicht einseitig zu Lasten der Mütter geht, ebenfalls öffentlich machen. Dafür sind die Forderungen nochmals zusammengefasst.

  1. Die Verteilung der steuerlichen Last muss so geregelt werden, dass Mütter mit Kindern entlastet werden.
  2. Die Corona-Energieausgleichs-Pauschale muss unabhängig von einer Berufstätigkeit allen Menschen mit Kindern ausgezahlt werden. 
  3. Die Krankenkassenkosten müssen neben den Kindern auch generell für Mütter bis zum 18. Lebensjahr des letzten Kindes übernommen werden. 
  4. Die staatliche Finanzierung von Müttern muss sich an der Lebenswirklichkeit unverheirateter Mütter ohne Erwerbsarbeit orientieren. 
  5. Um Mütter in ihren besonderen Leistungsphasen der Umstellung von Erwerbsarbeit hin zu Mutterarbeit und zurück zu unterstützen, brauchen wir eine Mütterquote von mindestens 30% in Unternehmen und Politik.

Fazit

Für die Umsetzung dieser gesellschaftspolitischen Konsequenzen besteht schon seit Jahrzehnten eine riesige Notwendigkeit. Je angespannter die ökologische Lage der Menschheit im Ganzen und der entstehende gesellschaftliche Druck wird, umso dringlicher werden neun, innovative Lösungen. Ein erster Schritt ist es, in die Familiensysteme als kleinster gesellschaftlicher Einheit zu schauen und dort mit der Veränderung anzufangen. 

Es geht um nichts weniger als eine grundlegende gesellschaftliche Neuausrichtung am Bedürfnis der Mütter an ihrer eigenen Existenzsicherung. Ihre Existenz ist gesellschaftlich bedroht dadurch, dass ihr einseitig die Pflicht der Kinderbetreuung aufgebürdet, die Rechte an der Wertschöpfung durch Kinder durch Umverteilung zu großen Teilen genommen wird. Dies zeigt die gesellschaftliche Realität der (Alters-)armut von (unverheirateten) Frauen und der Reichtum von erwerbsarbeitenden Menschen ohne Kinder.

Es ist Zeit für eine mutige, systemische Umstrukturierung: die eine Abschaffung der existentiell bedrohlichen, gesellschaftlichen Ungerechtigkeit für Mütter und ihre Kinder.

Was wir davon erwarten können? Glücklichere Mütter, glücklichere Kinder und eine glücklichere Gesellschaft – hier in Deutschland und überall. Es ist Zeit.

Weiterführende Links

Natürlich schwimmen lernen

Sind Schwimmkurse nötig?

Zuhause in der Badewanne hat mein Sohn, 4 Jahre, entdeckt, dass er kopfüber vom Rand ins Wasser gleiten kann. Er verbiegt sich, es spritzt ordentlich und irgendwie klappt es. Was mich wundert: sogar ohne blaue Flecken. Was nicht fehlen darf, ist die riesige alte Taucherbrille von mir. Ohne Ausrüstung geht nix 🙂

Schwimmen lernen geschieht in der geeigneten Lernumgebung

Gestern Nachmittag sitzen wir im Garten und er fragt mich, ob wir ins Schwimmbad gehen können. Ich bin zögerlich, der Aufwand ist doch hoch. Papa und Schwester sind unterwegs, es steht nichts an und so stimme ich trotz eigene Müdigkeit zu. Das Packen und Mitarbeiten ist ein Selbstläufer bei dem Kleinen, wenn er etwas möchte. So stehen wir eine Stunde später mit dem Tandem in Warnemünde am Schwimmbad.

Unser „Hausschwimmbad“ ist eine halbe Stunde entfernt und kostet reduziert 15 Euro für mich und Kind. Dafür hat es ein großes Kinderbecken, in dem mein Sohn überallstehen kann mit einem Übergang von flach nach brusttief. Es ist mit Salzwasser gefüllt und hat als Zugabe noch eine Rutsche und seitlich Absätze, von denen gesprungen werden kann. Ein Traum fürs Schwimmen lernen als Kleinkind.

Wir schaffen es im Winter so 10mal dorthin, im Sommer, der hier an der Ostsee nicht unbedingt warm ist, knapp 5mal. Das Bad hat ein beheiztes Außenbecken, das mittlerweile für meine 10-jährige Tochter attraktiv ist.

Schwimmen lernen bedeutet Gefahren einzuschätzen

Das wichtigste ist, dass er stehen kann und sich dort sehr sicher ohne Schwimmhilfen bewegt. Er hat verstanden, dass es bei neuen Schwimmbädern oder Seen immer darum geht, ob er stehen kann, das fragt er selbständig bei mir nach. Diese Klarheit im Kopf – Boden unter den Füßen ist meine Sicherheit, ist nicht selbstverständlich, da er ein sehr vorauspreschendes Temperament hat. Wie wir das geschafft haben, beschreibe ich in meinem Artikel “Aus Konsequenzen lernen”.

Was mein Kind heute alles lernt

Als wir im Kinderbecken im Schwimmbad sitzen, weiß ich, warum mein Kind so gerne hierher kommt. Alles, was in der Badewanne nur begrenzt möglich ist, klappt hier raumgreifend und ausufernd:

 – nach vorne werfen, Bauchklatscher machen und eintauchen,

 – sich ins Wasser sinken lassen,

 – unter Wasser paddeln wie ein Hund,

 – nach vorne mit dem Kopf eintauchen,

 – versuchen, den Kopf draußen zu lassen beim Paddeln,

 – die Taucherbrille werfen und wieder hochholen.

Meine eigenen Impulse zurückstellen

Ich sitze die erste halbe Stunde nur dabei und schaue ihm zu. Es ist ein Genuss, wenn ich es schaffe, meine Befürchtung wegzuschieben, dass die Erwachsenen im Becken sich von seiner Spritzerei gestört fühlen. Schade, dass ich es nicht geschafft habe, meiner Tochter einen natürlichen Zugang zum Schwimmen zu ermöglichen. Hätte ich das Wissen damals gehabt, wäre es mir vermutlich schwerer gefallen, da sie viel zurückhaltender ist und ich immer das Gefühl hatte, sie zu etwas animieren zu müssen. Dabei braucht es „einfach“ eine Gefährtin, die selbst authentisch mitfühlt. Bei dem Kleinen bekomme ich nach einiger Zeit und einer kurzen Zwischenmahlzeit Lust, selbst ein bisschen zu plantschen. Da er beginnt, mich vollzuspritzen, strample ich lustvoll Wasser zu ihm zurück, was das Zeug hält. (Nicht ohne abzusichern, dass wir einer Ecke spritzen, wo sich andere nicht gestört fühlen.) Danach ist die Frage nach trockenen Haaren für mich hinfällig, weshalb ich tauchen kann. Später setze ich wieder mich an den Beckenrand.

Mich selbst einbringen

Nach einem Saunagang (ja, es gibt da eine Textilsauna :-)) und Schaukelei im Schaukelstuhl (wer hat den Trend gestartet, Hotelschwimmbäder seit neuestem mit Sofas auszustatten? Der Schaukelstuhl ist auf jeden Fall der Hit!) geht es wieder zurück in Kinderbecken. Ich bekomme ein Schwimmtier von meinem Kind gebracht, auf dem ich herumpaddle. Was es als Erwachsene nicht alles neu zu entdecken gibt. Ich sitze leicht vornübergebeugt, vermutlich wird meine Bauchmuskulatur benötigt, die zur Rückbildung der „Rektaldiastase“ nicht angespannt werden soll (ja, ist nach vier Jahren immer noch da …). Doch es ist erstaunlich, wie leicht ich durchs Wasser pflüge. Es entsteht ein Ein- und Aussteigespiel mit meinem Kind. Wasserball wegwerfen, Wasserball holen. Ich bin angenehm erschöpft und es wird Zeit, aufzubrechen. Auf der Rückfahrt schläft mein Kind in der Straßenbahn ein. Ich habe am nächsten Tag eine ordentliche Muskelkatze in Bauch und Rücken.

Sind Schwimmkurse nötig? 

Nach meinen bisherigen Beobachtungen, wird sich mein Kind selbst das Schwimmen beibringen. Das sagen auch die jahrelangen Erfahrungen der Online-Schwimmschule von Evelyn Poudubrin und die Erfahrung einer Bekannten mit ihrer Tochter, die mittlerweile das Seepferdchen gemacht hat. Alles was ich mache, ist meinem Kind einen Rahmen zu schaffen, in dem er sich geschützt ausprobieren kann.

Einen Raum oder eine passende Lernumgebung zu schaffen, hat mehrere Aspekte: es gibt materielle, soziale, zeitliche Aspekte. Auch das Schaffen einer entspannten Atmosphäre gehört dazu.

Materialer Raum 

Welches Schwimmbad/ welches Becken ist geeignet? Gehe ich in einen See, einen Fluss/ Bach oder ins Meer? In einem natürlichen Gewässer hat die Frage nach der Gefahr z.B. durch Strömung im Meer eine andere Qualität als in einem Schwimmbad.

Sozialer Raum

  • Die Kommunikation mit anderen

Fühle ich mich gestört? Entschuldige ich mich für die Spritzerei meines Kindes? Ignoriere ich Blicke? Gehe lieber dann ins Bad, wenn nichts los ist?

  • Die Kommunikation mit meinem Kind

Generell stelle ich meine Impulse zurück und mache ihm keine Vorgaben (was besonders zu Anfang schwer, aber auch besonders wichtig war. Er hat zunächst einfach nur am Rand und an den Stühlen gespielt.)

Ich bringe mich selbst einbringe, wenn ich Lust habe, denn ich bin auch Teil des Wasserspiels.

Zeitlicher Raum

Das Drei-Stunden-Ticket reicht gut aus. Ich achte auf meine und seine Ermüdungsanzeichen. Ich vorher mehrere Signale, dass wir bald gehen, um ihm ein Einstellen auf den Abschied vom Wasser zu ermöglichen.

Jahreskreisfeste mit Kindern feiern

Jahreskreisfeste mit Kindern: Sommersonnwende

Die Sommersonnwende lässt sich charakterisieren als das Fest der Fülle, der Hoch-Zeit, dem Höhepunkt des Jahres. Die Natur steht in voller Pracht, die Pflanzen haben nach den Blättern und Stengeln ihre Blüten entwickelt. Ab diesem längsten Tag des Jahres geht die Kraft mit dem wieder schwindenden Sonnenlicht zurück und in die Früchte und Wurzeln. 

Der kraftvolle Charakter des Festes

Die Charakterfarbe ist rot – für die roten Blüten, Früchte und die Farbe des Archetypus der roten Göttin-Mutter mit ihrer lebensspendenden und nährenden Kraft. Am 21. Juni selbst war ich mit den Kindern alleine zuhause. Am Nachmittag las ich dem Jüngeren (4 Jahre) aus dem Buch „Ernte-Sommer“ von Diana Monson vor (aktuell mit zwei weiteren Bänden unter dem Titel „Lebenslustig – mit Kindern durch den Jahreskreis“ erhältlich).

Wann wird es dunkel?

Mir wurde klar, dass ich gerne auch den Tag und Abend selbst würdigen wollte, auch wenn eine Feier mit allen am Wochenende danach geplant war. Ich möchte schauen, um welche Uhrzeit es dunkel wird, den Anfang der Nacht vielleicht sehen. Die Kinder frage ich, wann sie denken, wann es dunkel wird und tippe selbst aus der Erfahrung der letzten Jahre auf halb zwölf. Und hier oben im Norden sind die kürzesten Nächte oft schon um halb vier dann wieder vorbei.

Was immer und recht spontan geht, ist ein Feuer anzuzünden, denn der Papiermüll ist immer voll, Stöcke und Reisig können die Kinder im Park nebenan sammeln und Kaminholz lagert am Haus. Gedacht, geplant, getan – am Abend stellten wir unsere alte, zur Feuerschale umfunktionierte Wockschale auf der Terrasse auf, weil hier noch die letzten Sonnenstrahlen leuchteten und wärmten. 

Stockbrot selbst machen

Das Stockbrot ist schnell vorbereitet:

  • Dinkel- und Roggenmehl, Menge nach Belieben (ich nehme am Anfang weniger Mehl, da ich mit der Flüssigkeit oft nochmal nachschütten muss, bis der Teig eine schöne Konsistenz hat, die nicht mehr an den Fingern klebt),
  • wenn der Teig süßer werden soll, gemahlene Haselnüsse,
  • Wasser,
  • Backpulver,
  • eventuell Salz und Samen wie Sesam- oder Sonnenblumenkörner.

Bei uns geht zurzeit das Haselnussbrot super. 

Nach dem Anzünden dauert es eine Weile, bis eine Glut entstanden ist. So lange knabbere ich meinen Salat und lege immer mal wieder Holz nach.

Die Kinder verputzen beide zwei Stockbrote. Als der erste Hunger gestillt ist, wird der Jüngere unruhig und beginnt seine Schwester mit dem Stock zu ärgern. Die will noch in Ruhe zu Ende essen und reagiert entsprechend ungehalten.

Streiterei am Feuer

Ich bin mit drei Sachen gleichzeitig beschäftigt – das heruntergebrannte Feuer am Laufen zu halten, ein Stockbrot auf den Stock zu wickeln, und meine zweiten Teller Salat mit verändertem Dressing (das Erste war zu dünn) zu essen. Und eigentlich will ich mich auch langsam auf die näherkommende Nacht einstimmen und besinnlich im Garten herum schauen …

Nicht mit unserem jüngsten Kind. Oft weiß ich es wertzuschätzen, dass er uns auf Trab hält, uns nicht einrosten oder festsitzen lässt. Doch heute habe ich mir eine andere Energie gewünscht und bin dementsprechend enttäuscht, dass der Jüngste uns nicht entspannt müde werden lässt. Irgendwann platzt mir der Kragen und beordere beide nach drinnen, bin aber so enttäuscht von dem Ende, dass ich mich nochmal an den Tisch setze und in Tränen ausbreche. Der Kleine versteht erst, wenn ich weine, dass ich traurig bin. Wenn er meine Tränen sieht und spürt, was in mir vorgeht. Dann ist er bereit, sich einzulassen auf das, was mir wichtig ist.

Ausklang mit Kerzen

Nach einer Ansprache an die Kinder, das es mir wichtig ist, diesen Abend und dieses Fest zu begehen, lesen wir nochmal im Erntesommer-Buch. Ich wünsche mir, dass wir zusammen überlegen, was wir am Wochenende zu unserem „offiziellen“ Fest machen wollen. Wir zünden zwei Kerzen an. Es stellt sich doch noch ein Zauber der Nacht ein. 

Mir kommt die Idee, dass wir ja – wenn schon nicht draußen im Zelt schlafen, dann können wir doch gemütlich vor unserem Bett auf dem Teppichboden schlafen. Undim Kerzenschein die herabfallende Dunkelheit draußen durchs Fenster beobachten. Und langsam müde werden und einschlafen.

Das Nachtlager

Während ich dem Jüngeren die Zähne putze, verzieht sich die Große geheimnisvoll nach oben. Als wir ins Schlafzimmer kommen, hat sie ein komplettes Lager aus Bettdecken, Schlafsäcken und Kissen vorbereitet, in das wir uns kuscheln. Lange schaffe ich es nicht mehr, vorzulesen. Nach der Hälfte des Buches gebe ich auf und schlafe völlig entspannt ein.

Obwohl es nicht spektakulär scheint, ist es das, was mein Leben wertvoll macht. Den Zauber, die Magie der Welt mit den Menschen zu erleben, die mir am wichtigsten sind. Und da braucht es meist gar nicht viel, sondern es geht spontan viel mehr als gedacht. Auch wenn so eine geplante Erdbeertorte für das Wochenende auch schön ist. Am nächsten Morgen hat meine Tochter übrigens verkündet: Um elf Uhr wurde es dunkel! Wenigstens eine, die aufgepasst hat.

Wie stimme ich mich mit anderen ab?

Schwimmen lernen: Wie gelingen Absprachen mit anderen?

Wir (meine Mutter, der mein 4-jähriger und ich) sind in einem Schwimmbad mit zwei Becken: ein eher frischen Sportbecken und ein schön warmes Kinderbecken mit knietiefem Wasser. Meine Mutter schlägt vor, ob sie sich nicht zusammen abkühlen und wieder schnell ins warme Becken huschen wollen. Mein Kind stimmt zu: Ein „heiß-kalt“-Spiel? Das macht Spaß und spielt er selbst in der Badewanne.

Er geht meiner Mutter nach. An der Leiter zum flachen Kinderbereich im Sportbecken zögert er. Warum? Er hat am eigenen Leib erfahren, dass er, wenn er den Boden verliert, untergeht. Und keine Luft mehr bekommt. Ich stehe neben ihm und warte ab. Zum ersten Mal fragt er mich, ob ich ihn trage. 

Den Boden unter den Füßen verlieren

Den Boden unter den Füßen verlieren bedeutet größtmögliche Unsicherheit, es bedeutet Lebensgefahr. Und sein Körpergedächtnis weiß das. Es ist kein kognitives Konzept, etwas, was ihm jemand gesagt hat. Es ist seine eigene Erfahrung, als er die ersten zwei Male in ein Kinderbecken gegangen und dort das Gleichgewicht verloren hat. (In diesem Artikel habe ich Prozess beschrieben.

Begleiten ohne einzugreifen

Diese hautnahe Erfahrung wird in seinem Körpergedächtnis lebenslang gespeichert sein und ihm in späteren risikoreichen Situationen helfen. In der Schule wird dies unter dem Schlagwort „Wagniserziehung“ anzubahnen versucht. Wesentlich effizienter ist es in der 1:1 Betreuung. Als Mutter brauche ich dazu einen Blick, eine entsprechende Sichtweise, Wesentliches zu sehen und zuzulassen. Diesen Blick kann ich entwickeln, wenn ich weiß worauf zu achten ist.

Ein guter Beginn ist es, das eigene Kind „nur“ zu beobachten, anwesend zu sein. Ich sammle gerne Erlebnisse, die mein Kind gerade beschäftigen. An diesem Tag waren es folgende Themen:

  • Springen: eine Art Bauchklatscher im Wasser nach vorne auf die Wasseroberfläche mit anschließendem Untertauchen,
  • Tauchen mit Taucherbrille: er bleibt immer länger unter Wasser,
  • die Leiter hinunter ins kalte Sportbecken gehen und in meine Arme gleiten: Zum ersten Mal hat er mich gefragt, ob ich ihn trage,
  • ein gemeinsames Transportspiel: ich setze ihn an der Treppe auf der anderen Seite des Beckens ab, die er schnell nach oben zum sicheren Boden draußen läuft.

Wie stimme ich mich mit meiner Mutter ab?

Ich vermute, du kennst den Konflikt, wenn andere noch ein altes Modell von „Erziehung“ haben und du dir einen anderen Umgang mit deinem Kind wünschst? Bei mir war es ein langer Prozess:

  1. festzustellen, dass ich einen bindungsorientierten Umgang mit meinem Kind möchte,
  2. die Rahmenbedingungen dafür zu organisieren,
  3. beziehungsorientiert mit anderen darüber zu sprechen,
  4. einen beziehungsorientierten Umgang für mein Kind bei anderen zu fordern,
  5. fünfe grade sein zu lassen und nicht immer einzugreifen, wenn eine andere Person etwas für mich „falsch“, also nicht passend, macht im Umgang mit meinem Kind.

Eigene soziale Netze neu aufbauen

Letztendlich habe ich mir tatsächlich Menschen gesucht, die einen ähnlichen Umgang mit ihrem Kind möchten. Diese findest du in Kitafrei-Gruppen, z.B. über facebook, wo du lokale Netzwerke anfragen kannst. Hier vernetzen sich die Kitafrei-Mamas vor Ort über einen Messenger (Whatsapp).

In meinem Umfeld habe ich Kontakte zu Menschen, die einen anderen Erziehungsstil bevorzugen, auf ein Minimum reduziert. Nur mit Menschen, die mir sehr wichtig sind, tausche ich mich aus, weshalb ich Zwang im Umgang mit meinem Kind nur im äußersten Notfall rechtfertigen kann. Das sind mein Mann und meine Mutter. Denn auf ihr Verständnis und ihr Bemühen, mich zu verstehen und zu unterstützen kann ich zählen. Das habe ich in vielen Situationen mit ihnen durchlebt, durchstritten und abgestimmt. 

3 Tipps für die Absprache mit anderen

Bitten formulieren

Mit meinem Mann hat sich herausgestellt, dass eine freundliche Bitte weit führt. Ich sage z.B. im Schwimmbad zum ihm: „Ich möchte dich bitten, dass du dich zurückhälst, wenn du mit ihm ins Becken gehst.“ Das erinnert ihn daran, mehr in die Beobachtung zu gehen.

Über den eigenen Ansatz informieren

Mit meiner Mutter spreche ich manche Situationen durch, die wir gemeinsam erleben. Ich erzähle ihr, was der Ansatz des „natürlichen Schwimmens“ (Evelyn Poudubrin hat dazu geforscht und eine Online-Schwimmschule). Ich begründe von der Gehirnforschung her, was es heißt, das Kind zu begleiten ohne einzugreifen.

Lächelnd über Dinge hinwegsehen

Am schwierigsten ist es für mich zu respektieren, dass andere einen eigenen Umgang mit dem Kind entwickeln. Es entsteht eine eigene Beziehung. Es hilft mir zu verdeutlichen, wenn mein Kind sehr gerne mit anderen zusammen ist. Mit dem Papa zum Beispiel, weil er entspannt ist und sich wenig Gedanken darum macht, was „richtig“ und „falsch“ ist. Das macht den Umgang mit ihm einfacher – bis der nächste große Machtkampf kommt 😉 In den ich eingreife, auch wenn ich es „eigentlich“ nicht will 🙁 Nobody ist perfect…

Meine Nachbarin hat einen schönen Umgang mit ihren Großeltern entwickelt, die häufig ihr kleines Kind (1 Jahr) betreuen. Sie greift nicht direkt ein, kommuniziert aber immer wieder, was sie und ihr Mann sich im Umgang mit der Kleinen wünschen. Zum Beispiel, dass sie weinen und ihr Gefühl durchleben darf und nicht sofort abgelenkt wird. Sie sieht zwar Dinge, die sie nicht gut findet, kann aber lächelnd darüber hinwegsehen.

Den eigenen Spaß kultivieren

Mir selbst hilft, wenn ich mein Kind anschaue und verstehe, wie sehr er sich an seiner eigenen Lust an Dingen orientiert. Es gibt mir die Erlaubnis, mir einzugestehen, worauf ich gerade Lust habe. Meinem inneren Kind Raum zu geben. Es ist der Zauber, der entsteht, wenn ich mit meinem Kind zusammen bin: die gemeinsame Lust am freudvollen Tun. 

Im Schwimmbad habe ich wieder Lust am Tauchen mit Taucherbrille gefunden. Ich erforsche gerne das Becken unter Wasser, tauche mal schnell ab, bin dann mal weg… So endete auch unser Schwimmbadausflug: eine Kombination aus dem Transportspiel mit meinem Kind und meinem eigenen Tauchspiel. Er rannte von Treppe zu Leiter, ich tauche durchs Becken dorthin und hole ihn ab, das Ganze beginnt von vorne.

Meine Mutter schläft derweil entspannt auf der Liege – da hat sie gerade Lust drauf.

Kind hört nicht?

“Warum hörst du denn nicht?”

Oft höre ich von Eltern die Frage an ihr Kind: „Hast du das denn nicht gehört?“ oder die Aussage „Das hab ich dir grade gesagt!“ Ich kenne das von mir, diese Annahme, dass das, was ich dem Kind anordne, auch sofort befolgt wird. Denn es ist doch logisch, dass die Wohnung schmutzig wird, wenn der die erdigen Schuhe drinnen anlässt, oder? 😉 In unserer Nachbarschaft wurde dieses Missverständnis soweit getrieben, dass das Bübchen irgendwann fast zum Ohrenarzt musste, weil er nicht „gehört“ hat. 

Vier Ebenen

Oft ist das, was wir sagen, ein Verbot oder Gebot, was das Kind tun oder lassen soll. Es gibt das 4-Ohren-Modell (Schulz von Thun), das anschaulich erklärt, warum unser Kind nicht etwa schlecht hört – im Gegenteil, es hört meistens sehr gut. Unser Kind antwortet nur auf einer anderen Ebene. Während wir oft auf der Appellebene argumentieren – „Ich hab dir doch gesagt, dass du nicht mit Schuhe in die Wohnung sollst“ – „hört“ das Kind sehr genau die Appellebene, antwortet aber auf der Ebene der Selbstkundgabe. Diese lautet vermutlich „Ich habe keine Lust, Schuhe auszuziehen“. Oder auf der Beziehungsebene „Ich will das nicht für dich machen, weil ich mich über dich ärgere, dass du mich zwingen willst.“ 

https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat#&gid=1&pid=1

Muss ich mein Kind zwingen?

Ich hasse diese Situationen, in denen ich denke, ich müsste mein Kind zu etwas zwingen. Meistens ist es dann der Fall wie gestern Abend, wenn ich selbst schon viel zu müde bin, um meinem Bübchen zu helfen. Und ihm dann noch Zähneputzen „muss“. Ich will das nicht, ihm mit den Fingern den Mund aufhalten, damit ich an die Zähne rankommen. Aber wenn ich die nicht putze, dann bekommt er doch Karies, oder? Die Alternative ist doch, ihm keine Zähne zu putzen? Ja, gestern habe ich ihn gezwungen – gut geht es mir damit nicht.

Bindungs- und beziehungsorientiert Mutter sein

Kein Tag ist wie der andere – und oft gibt es so viele Möglichkeiten an Reaktionen wie Finger an der Hand. In dem Fall – ich zu müde und mein Kind will (wie immer) nicht Zähne putzen, ist es vermutlich wirklich eine gute Lösung, keine Zähne zu putzen. 

  1.  Ich könnte natürlich das Ganze mit Humor nehmen – klappt gut, wenn ich selbst entspannt bin und wir viel Zeit nach hinten haben,
  2.  ich könnte das ganze Aussitzen – auch das nur, wenn Zeit nach hinten ist und ich WIRKLICH Geduld habe,
  3.  ich kann ihm eine Geschichte erzählen: von Karius und Baktus, und ihm erklären, warum Zähneputzen wichtig is – hilft meistens nur kurz, dann überwiegt das Unlust-Gefühl beim „Geputzt-werden“,
  4.  ich kann überlegen, wo er in anderen Situationen sich gerne helfen lässt: z.B. beim Popo abputzen – und mich so verhalten, wie ich es dort tue (nämlich ihn nach mir rufen lassen, wenn er fertig ist), allerdings geht er da meistens aus dem Badezimmer und spielt lieber,
  5.  ich kann nichts mehr für ihn machen, bis wir nicht Zähne geputzt haben,
  6.  ich kann alle Dinge, die er entscheiden kann – welche Zahnpasta, Motor an oder aus, wo hinsetzen – ihn entscheiden lassen, die Entscheidung für Zähneputzen generell aber treffen,
  7.  ich kann eine Routine schaffen, dass nach dem Abendessen immer gleich die Zähne geputzt werden,
  8.  ich kann an einem anderen Platz putzen, wenn der alte Platz gefühlsmäßig schon negativ besetzt ist,
  9.  ich kann für Ruhe sorgen, dass sich nicht noch zwei weitere Personen im Badezimmer aufhalten und Geräusche machen,
  10. ich kann für mich ein Spiel daraus machen – wie lange brauche ich wohl, bis sich das ein bindungs- und bedürfnisorientiertes Zähneputzen bei uns beiden etabliert hat? 3 Wochen? 3 Monate? drei Jahre? Schaffe ich es vielleicht schneller als gedacht?

Die Liste ist beliebig erweiterbar – es Bedarf nur ein wenig Zeit und Gedankenschmalz. Aber hey, wofür haben wir denn diese weiße Masse zwischen unseren beiden Ohren? 😉

Impuls

Mache JETZT deine eigene Liste, welche Möglichkeiten es für dich gibt – mögliche und unmögliche und hänge sie in deinem Badezimmer gut sichtbar auf!

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Dr. Simone Lang
Blog zum Thema Schreibaby und Lernen

In meinem Blog geht es vor allem um die Baby- und Kleinkindzeit.
Nach der Geburt meines ersten Kindes fühlte ich mich trotz pädagogischer Ausbildung auf mich alleine gestellt. Über die Erfahrungen zum Thema Schreikind schreibe ich nun im Blog und habe sie außerdem in einem Buch aufgearbeitet.
Du möchtest eine schnelle Hilfe für konkrete Handlungssituationen?
Lade dir HIER meine 5-Schritte-Formel zur Begleitung von Schreibaby herunter!

  • Während meiner Ausbildung habe ich eine Menge Theorie vermittelt bekommen. Leider war die wenig mit der Praxis verknüpft. Ich habe mich gefragt:
    Wie können diese gut klingenden, pädagogischen Leitlinien oder Begriffe wie „Erziehung vom Kinde aus“ in konkreten Handlungssituationen umgesetzt werden? Zum Beispiel: Welche Lernräume braucht es, damit mein Kind in ein freies Spiel kommen kann?
  • Wo liegen die Schwierigkeiten im Detail? Zum Beispiel: Wie sieht Beziehungsorientierung aus, wenn meine jüngeres Kind nicht Zähne putzen will
  • Welche Lösungen haben wir in unserer Familie gefunden und welche Unterstützung haben wir uns gesucht?
    Du möchtest, dass sich deine Kinder weniger streiten? Dann können dir kooperative Spiele helfen.
    Lade dir HIER den Spieleschatz mit Empfehlungen für Kinder im Alter von 3 bis 12 Jahren herunter.

Familienpraxis Dr. Simone Lang

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