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Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Lernort Badewanne

Immer wieder stehe ich vor der Herausforderung, meinen Kindern Lernumgebungen zu ermöglichen, die sie nicht über- und nicht unterfordern. Der Kleine wird von der morgendlichen Aufbruchstimmung von Schwester und Papa ganz unruhig. Auch zerfranst sich seine Aufmerksamkeit, wenn so viel Spielzeug überall angeboten ist. Er zieht dann eines heraus, dann das nächste – ein richtiges Spiel entwickelt sich nicht.

Was ist ein „richtiges Spiel“?

Im Spiel entsteht etwas, das auch als „Flow“ bezeichnet wird, das selbstvergessene Einlassen auf sich und die Umgebung, die sich in innerer Freude und Frieden ausdrückt, die sich selbst genügen. Wir sehen dann Kinder, z.B. mit anderen selbstvergessen spielen, weshalb fälschlicherweise oft angenommen wird, Kinder bräuchten so schnell wie möglich andere Kinder als SpielpartnerInnen.

Selbstvergessenes Spiel ist zunächst ein ganz intimer und individueller Prozess, der sich mit sich selbst in Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelt. Und je kleiner die Kinder, umso weniger braucht es dazu.

Was braucht es, um selbstvergessenes Spiel zu ermöglichen?

  • Alltagsmaterialien, die einen Aufforderungscharakter haben und dem Kind verstehen ermöglichen wie

Dinge für die Feinmotorik

  • alte Mühlen zum drehen,
  • Schüsseln in verschiedenen Größen,
  • Korken
  • Küchenutensilien wie Siebe, Rührlöffel etc.

Dinge zum Bauen

  • kleine Hocker und Tische
  • breite Bretter
  • Kissen, Decken etc.

Gute Anregungen geben Pikler Spielräume.

Was es nicht braucht

  • zuviel Material in der Umgebung
  • zu laute und überfordernde Spielzeuge oder Umgebungen

Warum ist freies spielen so wichtig für die kindliche Entwicklung?

Die hohe Kunst als Lehrkraft, als Mutter oder Vater, als Erzieherin ist es, Lernumgebungen zu schaffen, in denen Kinder zum freien Spiel angeregt werden. Im spielerischen Umgang mit Dingen erwerben sie implizites Wissen, das dauerhaft abrufbar ist und in ähnlichen Situationen zur Verfügung steht. Im Gegensatz zu dem vielen trägen Wissen, das im Klassenzimmer in köpfen entsteht, aber nicht handlungsrelevant ist.

Warum entwickelt sich manchmal ein freies Spiel, oft aber auch nicht?

Oft stelle ich eine gefühlt für mich „schöne“ Lernumgebung her, das von mir gewünschte freie Spiel stellt sich bei meinem Kind aber gar nicht ein und ich bin frustriert. Ja, auch ich bin dann enttäuscht und muss mich selbst trösten, dass die Förderung von Kindern, das Lehren eine „Kunst“ ist, die von vielen Variablen abhängt und letztlich immer zwischen den Personen stattfindet, die beteiligt sind.

Mein Mann meinte letztens, als ich ihm etwas vom freien Spiel vorschwadronierte: „Also du meinst Interaktion!“ Worauf ich meinte: „Nein, ich meine ‚Spiel‘ im eigentlichen Sinne im Gegensatz zu den Wettspielen.“

Unsere bisher schönste Lernumgebung

Worüber ich in der letzten Woche wirklich happy war, ist, dass ich mal wieder richtig Zeit hatte für meine Kind. Um prompt stellt sich für uns beide eine Lernumgebung ein, in der mein Kind ruhig und selbstvergessen über fast zwei Stunden spielt, während ich dabei sitze. Geklappt hat das in der Badewanne. Aus einem Impuls heraus, habe ich ihm eine Trittleiter mit zwei Stufen ins Badewasser gestellt, zusätzlich noch drei Ikea-Einsätze unseres Badschrankes hingeräumt, die sich wie rechteckige Wassereimer mit Griffen nutzen lassen.

Eine große Attraktion war zunächst das Hoch- und Heruntersteigen, weil er damit die Pflanze über seinem Kopf berühren konnte, was viele Male wiederholt wurde. Nicht müde wurde er auch davon, die Wasserkisten zu füllen und auf den Stufen abzustellen. Im Laufe der Zeit wollte er auch noch seine Seifenblasengefäße haben: kleine, runde, leere Pustegefäße in verschiedenen Farben. Ich wurde ins Spiel miteinbezogen, indem er immer wieder fragte: „Welches möchtest du?“ Und ich die entsprechende Farbe nannte, die er mir dann auch richtig gab 😉 Hier jubelt natürlich wieder mein innere Lehrerinnenseele. Die Farben werden gelernt, ohne dass ich sie abfragen müsste – implizites Wissen.

Das Wichtigste

Doch natürlich ist das Wichtigste, dass er mit sich und seinen Impulsen in Verbindung war. Und das ist in den nächsten Tagen zu spüren – wenn sich die Gelegenheit ergibt, findet er auch in anderen Situationen in sein eigenes Spiel. Was ihn zunehmend ruhiger und selbstbewusster im besten Sinne macht.

Jetzt könnte davon ausgegangen werden, dass ich nur die entsprechenden Materialien hinräumen muss und schon gelingt ein freies Spiel. Nein, ganz zentral war eben auch meine eigene Ausgeglichenheit und Hingabe an diese Situation. Der emotionale Raum, gefüllt mit Vertrauen, der sich zwischen ihm und mir entwickelt hatte. Was mich zu der gesellschaftskritischen Moral von der Geschicht´ bringt, dass Mütter, Eltern und pädagogisches Personal noch viel mehr entlastet werden muss, um gute Qualität in Bildungseinrichtungen zu sichern.

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