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Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Das Konzept der Salutogenese besagt unter anderem, dass wir dann gesund bleiben, wenn wir das Gefühl haben, die Anforderungen, die das Leben an uns stellt, bewältigen zu können. Nun ist das gerade in Lernphasen, in schwierigen Phasen oder in Umbruchszeiten oft nicht der Fall. Wir fühlen uns überfordert ob der Komplexität der Fülle von Aufgaben. Bei Kindern ist das auch so, nur haben wir vergessen, dass so etwas wie Essen lernen oder sich zurückhalten lernen in hohem Maße überfordernd und frustrierend sein kann. Insbesondere wenn Kinder nicht unserem Ordnung- bzw. Sauberkeitsempfinden oder unserer Zeitstruktur entsprechen.

Was wir als Erwachsene vergessen haben…

Mit der Großen war ich einige Male in den Weihnachtsferien in der Eishalle zum Schlittschuhlaufen. Meine Tochter steht mittlerweile wie die germanische Schneeschuhgöttin Skadi auf den Kufen und fetzt ihre Runden. Sie übte sich gerade in einbeinigen Pirouetten, als sie stürzte und den Tränen nahe war – vor allem wegen der Enttäuschung, dass die Drehung nicht geklappt hatte.

Aber da kommt ja dann auch immer zusammen: der körperliche Schmerz am Knie oder Po oder auf welcher Stelle sonst hart gelandet wurde, und der psychische Schmerz, einen Misserfolg zu haben: eine doppelte Verletzbarkeit[1] beim Sporttreiben bzw. doppelte Verletzung.

So bemühte ich mich nach ihrem Sturz, ihr Sicherheit zu geben. Der körperliche Schmerz hielt sich wohl in Grenzen. Sie stand auf, blickte hilfesuchend zu mir. Ich versuchte ihr Sicherheit zur geben, ich in diesem Fall einfach mit ihr weitermachte wie zuvor: mich mit ihr zusammen auf dem Eis zu drehen. Versuchte, der Situation einen „normalen“ Anstrich zu geben. Dabei erzählte ich ihr, dass am Stürzen an sich ja nichts Schlimmes sei und sie könne noch etwas daraus lernen, indem sie sich überlegen würde, warum sie gefallen sei. Meine Güte – welche Erwachsenendenke hatte mich da wieder geritten…

Das Schöne ist ja, wenn frau in der gleichen Situation ist, also das mitmacht, was das Kind tut, ereilen uns nicht selten eigene Lernerfahrungen, mit denen wir so nicht gerechnet hätten… So erhielt ich prompt die Quittung auf meine elterliche Überheblichkeit und musste am eigenen Leib feststellen, dass Bewegungslernen (und Fehler machen) viel schneller, intuitiver, körperlicher und „kopfloser“ geht als gedacht.

[1] Miethling & Krieger, 2004


Vorbild und Nachahmung

Da wollte ich meiner Tochter das Übersetzen vorwärts zeigen, als tolle Möglichkeit, um durch die Kurve zu kommen. In hoher Motivation und entsprechend hohem Tempo strengte ich mich an, einen Schlittschuh über den anderen zu setzen, während meine Tochter geduldig in der Ecke wartete und zuschaute. Irgendwie wurde es dann doch recht schnell und mein Körper reagierte nicht mehr, wie gedacht. In der Kurve semmelte es mich so dermaßen auf die Seite und das Knie, dass die Auswirkungen des blauen Knies noch jetzt – zwei Wochen später zu spüren sind. Da lage ich dann, etwas peinlich berührt… Skadis Mutter macht den Adler auf dem Eis.

Aufgestanden war ich schnell, fühlte mich dann aber gleich den Blicken der mir nachkommenden Schlittschuhlaufenden ausgesetzt, insbesondere dem erstaunten Blick des Vaters hinter mir. Ich konnte mir zwar noch einen halbwegs lockeren Spruch abringen, so etwas wie: „Einen Versuch war´s wert…“ Ja, aber es war mir durchweg peinlich, nicht wirklich schlimm, aber eben auch nicht angenehm. Aber es half ja nichts – Eis abgeklopft, zu meiner Tochter zurück gefahr-humpelt an die Bande und mich innerlich in Demut geübt…

Von Kindern lernen

Der Groschen war bei mir gefallen. Wie oft sagen wir einem Kind beim Laufen lernen, wenn es hingefallen ist: Ist nicht schlimm. Aber Stürze sind schon schlimm! Für mich als Erwachsene hochnotpeinlich, warum also dem Kind absprechen, dass es einen Sturz blöd findet. Wieder was gelernt.

Was wollen wir mit der Aussage: Ist nicht schlimm. Eigentlich wollen wir das Kind trösten. Und manchmal wollten wir einfach, dass es weiter läuft, damit wir endlich irgendwo ankommen, möglichst reibungslos und ohne Zeitverlust weiterlaufen, in unserer Alltagroutine weitermachen können.

Was Kinder in unsicheren, neuen Situationen brauchen

Was das Kind braucht, ist Unterstützung, eine helfende Hand, wenn gewünscht, das Gefühl der Sicherheit nach einem verunsichernden Erlebnis. Stürzen ist schlimm, ist hab´s mal wieder am eigenen Leib erleben müssen. Welche Anmaßung, einem Kind ein gefühltes Drama absprechen zu wollen. Mit diesem „Ist  nicht so schlimm“ wollen wir aber auch aus einer Maus keinen Elefanten machen. Dabei ist jedoch die irrige Annahme, dass ein Übergehen, Ablenken dem Kind hilft, sich innerlich wieder zu fangen, zu festigen. Es hilft jedoch nur das Ausleben der Gefühle, das durchleben der Angst und Unsicherheit. Sind Gefühle durchlebt  verschwinden sie wieder – sie haben ihren Zweck erfüllt. Das Verdrängen und Unterdrücken führt nur zu ihrem späteren (verstärkten) Auftauchen. Und am Durchleben von Gefühlen ist an sich auch gar nichts Schlimmes…

Das Kind signalisiert schon, was es braucht. Wir können aus unserem „Ist ja nicht schlimm“-Tröst-Impuls, erst einmal beobachten, ob das Kind Hilfe will. Es trösten, in den Arm nehmen, ohne die Wahrnehmung des Kindes mit einem „Ist doch nicht so schlimm“ abzuwerten. Da sein. Nicht unbedingt weitermachen, business as usual, nur wenn das Kind es signalisiert, dass alles in Ordnung ist. Stattdessen solange mit aufmerksamer Achtsamkeit dabei sein, bis das Kind sich ausgeweint hat, mit der Situation klar gekommen ist. Sich wieder auf sicherem Boden fühlt. Und sich bewusst sein, dass in der Folge auch beim Zurückkehren zum Alltagsgeschäft, der Lack noch ein bisschen angekratzt ist, dass also nicht gerade der Zeitpunkt ist, auch noch weitere Forderungen an das Kind zu stellen.

Bewältigbare Anforderungen – wer entscheidet, was gut zu bewältigen ist, und ab wann es zu viel wird? Natürlich wir selbst, jeder und jede für sich, und das gilt genauso für unsere Kinder.

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