Hier geht´s zur Anmeldung für die Schreikind-Kompetenz-Challenge vom 24.8. - 28.8.2020

Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Morgens gibt´s Milchreis für den Kleinen. Milchreis hat den Vorteil, dass er nicht groß gekaut werden muss, aber schön zusammenklebt, so dass er auch Brocken selbst fassen und in den Mund stopfen kann. Ja, das ist so klebrig überall, wie es sich anhört… 

Von Anfang an war es beim Breiessen so, dass das Kindchen wenig interessiert war, wenn es einen Löffel mit Brei vor sich hatte. Ganz vorsichtig wird dann an der Löffelspitze genippt, um anschließend im schlechtesten Fall das Gesicht zu verziehen und weitere Löffelangebote strikt mit geschlossenem Mund abzulehnen, oder im besten Fall ausdruckslos beim nächsten Löffel den Mund wieder zu öffnen. Im Gegensatz dazu werden vor ihn gelegte Kartoffel- oder Karottenstücke gerne ergriffen und mit einer speziellen Technik in der Faust nach oben gewurstelt, um dann entweder herunterzufallen oder in den Mund geschoben zu werden. Er will am liebsten selber machen.

Das ist ja auch eigentlich nichts Schlimmes, außer dass nach dem Essen Kind, Tisch, Kleidung und Boden voller Reste in mehr oder weniger fester Form zu finden ist. Was manchmal nervt, so dass es schwer ist, nicht ihn nicht schon beim Essen abzuputzen.

Aber selbständig zu sein ist eigentlich genau das Ziel aller Erziehung. Wir wollen, dass die Kinder groß werden und sich irgendwann alleine versorgen können. Ergo ist es nicht besser, ihnen das, was sie schon können, nicht ab zu erziehen? Erziehung als das zu lassen oder zu fördern, was bereits da ist. Was das Kind von selbst zeigt, mitbringt. Erziehung klappt dann nur, wenn Kind und Mama oder Papa zusammenarbeiten. Aufeinander achten, sich verstehen, zusammen sind. Erziehung ist Beziehungspflege und „Er“ziehung wird zu „Be“ziehung.

Das ist vermutlich einer der großen Unterschiede des ehemaligen Verständnisses von Erziehung und dem was Erziehung heute meint: Beziehung. Irgendwann bin ich als Elternteil überflüssig im Sinne der Versorgungsarbeit, nämlich dann, wenn das Kind auf eigenen Beinen steht und in die Welt hinaus zieht. In einer Beziehung will ich eine lebenslange Partnerschaft, Freundschaft zu meinem – dann erwachsenen – Kind erhalten und pflegen.

Das Beziehung aufbauen kann in jeder kleinen Alltagssituation praktiziert werden – je nach Geduld von Kind und Elternteil – so auch beim Essen. 

Mit dem Essen-Lernen hängt die Frage des Abstillens zusammen. Also das Reduzieren des Stillens. Also das Reduzieren der Nahrung durch die Muttermilch. Der Vorgang des Stillens ist hier ja nicht vorrangig in seiner Funktion des Beruhigens von Kindergeschrei angesprochen, sondern in der Funktion des Ernährens.

Nachdem ich mich bei dem ersten Kind mehr an Vorgaben gehalten habe, ab wann die Muttermilch reduziert werden kann, gehe ich heute nach meinem Empfinden und dem Willen meines Kin des. Wir zwei müssen das aushandeln.

Ich finde Stillen ungemein praktisch, weshalb es auch die Haupternährungsform in Stresszeiten ist. Außerdem hilft es mir und dem Kleinen, dass wir verhältnismäßig nachts gut schlafen können. Die Nächte sind unterbrochen von den drei bis sechs kurzen Trinkphasen seinerseits, was, da er neben mir schläft, keine große Schlafunterbrechung ist.

Aber: ich merke, dass mir Mineralstoffe fehlen, die ich großzügig abgebe. Für den später wieder geplanten Berufseinstieg wäre ein wenig Erholung gut. Und mit knapp einem Jahr kann er das mit dem Essen jetzt auch schon ganz gut: also fördern durch fordern.

Das heißt, wir Eltern müssen darauf achten, dem Kleinen tagsüber regelmäßig Essen anzubieten. Was Arbeit kostet, aber einmal vorgenommen auch nicht wirklich viel mehr Arbeit ist. Da ziehen mein Partner und ich glücklicherweise an einem Strang. Ich erwähne, dass wir wieder neuen Brei brauchen – er setzt die Kartoffeln auf… (Ja, zunächst musste ich das einfordern, was mittlerweile selbstverständlich scheint.) Nachts ist die Sache schwieriger, denn da kommen noch andere Bedürfnisse ins Spiel.

Wechselwirkungen mit dem Abhalten lernen

Für alle Beteiligten und im Sinne eines erholsamen Schlafes gebe ich ihm die Brust, wenn er meckert. Als Beruhigung. Für das Abhalten wirft uns diese Praxis nach hinten, denn er zeigt auch an, also meckert, wenn er Druck auf der Blase hat. Das heißt beim dritten Mal meckern seinerseits, könnte ich ihn auf die Toilette setzen. Immer wenn ich es schaffe, hat er eine noch trockene Windel und pinkelt eine ganze Menge. Da ich aber auch schlafen will und mich das Pinkelgeschäft zuverlässig aus selbigem für nicht weniger als zwei Stunden herausreißt, lassen wir es oft. Abhalten geht meist dann nur morgens, da klappt es dann mehr oder weniger regelmäßig.

Stillen als emotionale Nahrung

Stillen, das ist aber auch emotionale Nahrung, Zeit zum Kuscheln und sich aus dem Tagesgeschäft herausziehen. Das will ich noch ein Stück erhalten uns den Übergang in die muttermilchfreie Zeit seines restlichen Lebens erleichtern. Also trage ich ihn mehr herum, seitdem ich ihm tagsüber weniger die Brust gebe.

Gestern war er ganz verzweifelt, dass ich es nicht verstehe, dass er trinken will. Er macht aus seiner Sicht doch alles wie sonst auch immer, drückt seinen Kopf an meine Brust und beißt in meinem Arm. Und das mit zunehmender Vehemenz, damit ich endlich darauf eingehe. Da ich ihn aber morgens schon gestillt habe, möchte ich bis Mittag warten. Das passt ihm nicht. Ich bin bei ihm und da er müde ist, genug gegessen hat, die Windel gewechselt ist, packe ich ihn in seinen Winteranzug und trage ihn noch ein wenig zur Beruhigung. Er legt seinen Kopf an meine Schulter und beruhigt sich. Sein Kopf bleibt liegen und sein Atem geht regelmäßig. Es tut uns gut, dass unsere Herzen nahe zusammen schlagen und wir genießen die Nähe. Er schläft ein, etwas was schon lange nicht mehr vorgekommen ist. Ich lege mich mit meinem Buch auf´s Sofa, er rückt sich auf meinem Oberkörper zurecht – Zeit mal wieder richtig zu kuschelschlafen, wie früher, als er gerade geboren war.

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