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Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Schreibaby - Emotional satt sein

Ist nach drei Monaten mit einem Baby, das soviel weint, noch immer keine Besserung zu spüren, verzweifeln viele Mütter. Sie fragen sich, ob das ewig so weiter geht?! Es fällt immer schwerer, unvoreingenommen und liebevoll dem Kind gegenüber zu treten. Viele Aufgaben neben dem Baby bleiben liegen und erzeugen Gereiztheit und einen immer kürzeren Geduldsfaden. 

Das Problem der Negativspiralen (Teufelskreislauf) 

Wenn das Kind nicht auf die intuitiven elterlichen Beruhigungsangebote reagiert wie erhofft, kommt es zu Missverständnissen. Die Beteiligten – Baby und Mama oder Papa – sind verunsichert und haben schließlich Angst vor weiteren Schreisituationen. Dies führt zu einer Negativspirale: Die eigene Ohnmacht erzeugt bei fast allen Eltern Wut und Aggressionen und anschließenden Schuldgefühlen – die Nerven liegen blank.

Wie wiederkehrende Situationen gelingen

Wie können aber Negativspiralen gedreht und zu positiven Engelskreisen der Beziehung gewendet werden?

Das Team um Emmi Pikler hat in der Arbeit mit 2000 Baby und Kleinkindern herausgefunden, dass sich gerade die immer wiederkehrenden Pflegesituationen dazu eignen, in engen Kontakt zum Kind zu kommen. Indem die Pflegerinnen im Waisenhaus auf der einen Seite einen klaren Ablauf von Pflegehandlungen haben, z.B. beim Waschen des Babys in der Badewanne, auf der anderen Seite aber ganz konzentriert bei diesem Kind sind. Schon im Alter von zwei bis drei Wochen können mithelfende Bewegungen des Babys wahrgenommen werden. Diese werden immer energischer und können zu einem gemeinsamen Spiel werden, zu spielerischen Neckereien.

Was dabei wichtig ist:

  1. Routine im Ablauf: Wenn die Mutter immer ähnliche Bewegungen ausführt – zuerst das Wasser einlassen und einen Waschlappen zurecht legen, dann das Baby langsam in die Wanne legen, von oben nach unten die Hautfalten reinigen etc. – wird das Baby sich erinnern. Mit der Zeit wird es bestimmte Abläufe der Mutter vorweg nehmen, z.B. nach dem Waschlappen greifen. Diese Impulse können aufgenommen und „weitergespielt“ werden.
  2. Mit dem Kind sprechen: Von Geburt an hilft dem Kind, wenn ich sage, was ich mache. So wird es vorgewarnt, dass etwas geschieht, auf wenn es die Worte noch gar nicht versteht. Gleichzeitig wird mit Worten auch die Körpersprache des Baby kommentiert, z.B. wenn es nach dem Waschlappen greift: „Oh, du fasst nach dem Waschlappen“ und hilft beim achtsamen Beobachten.
  3. In Verbindung bleiben: Kinder spüren es, wenn wir innerlich mit anderen Problemen beschäftigt sind. Nur wenn wir ihnen die volle Aufmerksamkeit in diesem Moment zukommen lassen, können wir wirklich in Kontakt mit ihnen kommen. Dann entwickeln sich gelingende Situationen. Und danach können wir spüren, dass wir es genossen haben und emotional satt geworden sind.

Wie können Engelskreise aussehen? 

„Gabica hat bald sehr gern gebadet. Mit der Zeit hat hat sie sich bei dem vorausgehenden Reinigen immer weniger verspannt. In konnte ihr die Hautfalten, z.B. am Hals und Ellbogen mit einem in Öl getauchten Wattebausch leicht auswischen. (…) Gábor ist der Älteste der Gruppe, er hat im Alter von fünf Monaten seine Hand entschlossen ausgestreckt, und er war auch der erste, der Spiele anregte. Er griff z.B. nach dem Hemd, aber oft hat er, wenn er schon das Hemd berührt hatte, seine Hand schnell hinter den Kopf gelegt, laut gelacht und dabei seine Augen zusammengekniffen. Eine gute Unterhaltung war es für ihn auch, wenn er mit anstelle seiner Hand seine Beine entgegenstreckte; dabei haben wir zusammen gelacht und uns gefreut.“ (Török, S. 129-130)

Mit dem Herzen hören

Ich persönlich habe das „Mich-Einlassen auf meine Tochter in der Zeit gelernt, als sie so furchtbar viel schrie. Ich habe es im Nachhinein immer an ihr bewundert, dass sie kein „braves Kind“ war und artig aufgegeben hat zu schreien, sondern wie eine Löwin darum gekämpft hat, dass ihr Bedürfnis nach meiner Zuwendung erfüllt wurde, was es sie auch gekostet hat, Schweiß, Verzweiflung, Heiserkeit. Und irgendwann habe ich mir zugestanden, sie endlich mit dem Herzen zu hören.

Was mir geholfen hat

Mir haben zwei Dinge geholfen, mein Baby und Kleinkind mit dem Herzen zu verstehen. 

1. Eine halbe Stunde am Tag

Während der Schwangerschaft habe ich meiner Tochter versprochen, dass ich ihr jeden Tag – wie beschäftigt ich auch sein mag – eine halbe Stunde meiner Zeit schenken werde. Eine halbe Stunde, in der ich mich in jeder Sekunde darum bemühe, mich auf sie einzulassen, das zu machen, was sie will, ihr zu helfen oder einfach bewusst bei ihr zu sein. Eine halbe Stunde ist eine überschaubare Zeit, ich kann die Uhr danach stellen und es katapultiert mich sofort aus meinem inneren rastlosen „Was muss ich noch tun“ heraus. Impulse kommen automatisch von ihr und irgendwann am Tag lasse ich mich wirklich länger darauf ein, statt einer häufigen „Nebenbei-Kommunikation“.

Sie dankt es mir immer mit ihrer spürbaren Zuwendung, indem sie meine Nähe sucht, mich anspricht, bei mir sein will – ein irre schönes Gefühl, das mich innerlich aufleben lässt und mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, wenn ich sie sehe.

2. Nachmachen, was sie macht

Eine Übung, mich auf sie einzulassen, hat sich dabei spontan entwickelt. Wenn ich mir schwer tue, gedanklich aus dem vorherigen Trott von Aufräumen o. Ä. herauszukommen, begebe ich mich ganz körperlich auf die Ebene meiner Tochter. Das heißt, ich mache das nach, was sie gerade macht. Liegt sie auf dem Boden lege ich mich dazu. Strampelt sie, strampel ich auch. Die Übung hat mir geholfen, zu fühlen, was sie fühlt, und sie dadurch besser zu verstehen.

Quellenangabe:

Török, Katalin: Kooperation während der Pflege und die gemeinsame Freude am Spiel. In: Pikler, Emmi: Miteinander vertraut werden, Freiburg: Arbor-Verlag, S. 129-132.

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