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Familienpraxis 

Dr. Simone Lang

Beziehungen und Bindungen sind zwischen Menschen, sie sind an sich unsichtbar. Die Qualität der Beziehung zeigt sich in den Gesichtern, im Köperausdruck der Menschen, die miteinander in Beziehung treten. Beziehung ist „in between“, dazwischen. Eine sich ständig wandelnde Grauzone.

Bindung baut sich langsam auf. Wir können den Raum schaffen und Bindung sich aufbauen zu lassen, einfach durch gemeinsam verbrachte Zeit. Je mehr Zeit ich mit meinem Kind verbringe, umso enger wird die Bindung. Dabei wird noch nichts über die Qualität der Bindung ausgesagt. Die erste Bindung gehen wir unbewusst ein mit unseren Eltern, wir müssen dies. Das sogenannte „Bindungssystem“ ist überlebensnotwendig. Diese ersten Bindungen sind so zentral, weil die ersten Gehirnbahnen ausgebildet werden. Es ist das erste Arbeitsmodell von unseren Bezugspersonen und Hintergrundfolie für alle weiteren Beziehungen.

Körperliche und emotionale Verbundenheit

Ich habe die Bindung von Kind zu Mutter besonders bewusst in der körperlichen Verbindung im Bauch und durch das Stillen wahrgenommen. Ich habe sie gespürt in dem Unwohlsein, wenn ich die ersten Monate ein Zeit ohne Baby war. Das Baby war quasi Teil der eigenen Person geworden. Die enge Bindung zeigte sich in meinen Gedanken und Emotionen dadurch, dass ich in allen möglichen Situationen potentielle Gefahren gesehen habe. Zum Beispiel habe ich mir an einer hohen Beispiel Treppe im Geiste den Absturz vorgestellt. Die enge Bindung habe ich gespürt, indem sich mein Biorhythmus dem des Kindes angepasst hat und wir uns auf einen gemeinsamen Biorhythmus eingestimmt haben.

An diese Bindungserfahrungen aus den ersten Jahren knüpfe ich auch immer wieder bei meiner großen Tochter an. So fühle ich mit ihr, wenn im Schwimmkurs Dinge von ihr verlangt werden, die sie überfordern und an den Rand ihres guten Willens bringen.

Das Trauma des Bindungsabbruchs

Das Gegenteil von Bindung ist das Trauma des Bindungsabbruchs. Eines meiner persönlichen Kindheitstraumata ist die „Abgabe“ im Kindergarten.  Dort kletterte ich vertrauensvoll, wenn auch mißtrauisch, aber von meiner Mutter ermuntert, auf den Arm der Kindergärtnerin und durfte nicht mehr zu meiner Mutter zurück. Den ganzen Vormittag lang, denn meine Mutter war gegangen. Dies hat in meinem Gehirn wohl zu einer Kurzschlusshandlung geführt. Ich habe fast keine Erinnerung an meine Kindergartenzeit, außer jener ersten, furchtbaren Erfahrung, in der sich wohl ein Teil meiner Selbst abgespalten hat (Dissoziation), um die Situation, diesen Vertrauensverlust tragen zu können.

Noch heute spielen in meiner Fantasie alle Gefängnisszenen oder Szenen mit Kerkern oder Verliesen, in die Menschen eingesperrt werden, in diesem Kindergarten-Vorraum. Das Schlimme ist, dass meine Mutter mir erzählte, dass es ihr so schwer gefallen sei, mich in den Kindergarten oder auch in die Schule zu geben, dass es aber „damals“ so gemacht wurde. Es war die Vorgabe des Kindergärtnerin, ein Mädchen, gerade mal zwanzig geworden, das Kind da zu lassen – das wäre das Beste. Seit Jahren muss ich nun diese Gefühle immer wieder durchleben und neu meine Realität beschreiben, um die Folgen dieser Situationzu verarbeiten, die ich vor 40 Jahren erleben musste.

Kinder kommen uns dazwischen

Das ist die große Chance, die wir bei unseren eigenen Kindern haben – sie kommen uns dazwischen, sind „in between“ und führen uns zu unseren eigenen inneren Narben. Wenn wir lernen, es auszuhalten, diese anzuschauen, werden wir mitfühlend – feinfühlig – achtsam.

Eine lange Zeit hatte mein Kleiner morgens die Angewohnheit, staubsaugen zu wollen. Zuerst hatte ich keine Lust, jeden Morgen schon wieder den Staubsauger auszupacken. Ich habe mich darauf eingelassen, als er gar keine Ruhe geben wollte – er staubsaugte, ich kehrte. Störungen haben Vorrang. So kamen wir gleich am Morgen miteinander in Kontakt und nach dem Saugen war dann auch das Anziehen und Windel wechseln viel leichter – mit ihm in Beziehung – zusammen.

Wie Bindung sich anfühlt: Inniglich

Besonders inniglich spüre ich die Bindung gerade dann, wenn das Kind mich auch meinen Plänen reißt. In der ersten Zeit, in der mein Kleiner es tolerierte, auch im Kinderwagen abgelegt zu werden, um zu schlafen, brauchte er noch den Körperkontakt. So konnte es sein, dass er beim mir an der Brust einschlief. Wenn ich ihn dann in den Kinderwagen hob und fing er wieder an zu weinen und ich musste nochmal von vorne beginnen. Mit der Zeit und der Tiefe des Schlafes, reichte es dann, wenn ich dicht bei ihm blieb und er meinem Arm halten konnte. Den gab er aber auch im Schlaf nicht her, so dass ich manchmal über eine Stunde brauchte, bis ich ganz vom Kinderwagen weg konnte.

Kinder erkennen Innigkeit. Nach dem Aufwachen war ich erschöpft. Der Kleine wendete sich jedoch in den nächsten Tagen vertrauensvoll an mich und ei Schlafsituationen werden immer besser.

Manchmal kommen mir beim Stillen die Tränen. Es ist das stille Glück darüber, ein Kind zu halten. Mein Mann hatte unsere Kinder beide sehr eng am Körper – vor allem das zweite Mal mit dem Tragetuch, so konnte er die körperlich spürbare Bindung entwickeln. In Beziehung sein heißt, Innigkeit zu leben.

Brüderlein, Schwesterlein mein

Beziehungen können durch qualitativ hochwertig verbrachte Zeit gefördert werden. Zum einen ist die Menge der gemeinsam verbrachten Stunden ein wichtiger Faktor, zum anderen die Qualität der verbrachten Zeit. So spielen Geschwister nicht automatisch miteinander, sondern lernen auch von uns Erwachsenen, wenn wir gemeinsam mit ihnen auf einer Ebene spielen. Richtschnur ist das freudvolle Tun in Übereinstimmung und ohne Widerstand einer Person – es wird also ein Konsens gesucht.

Als meine Jüngster erst gut ein Jahr alt war, haben wir begonnen nach gemeinsamen Spielen mit ihm zu suchen. Packten wir die Bauklötze aus, stapelte meine Tochter sie und mein Kleiner warf sie wieder um, was sie ärgerte. Ich versuchte dann das „Umwerf-Spiel“ mit den beiden zu entdecken – sie und ich bauten etwas auf und mein Jüngster hatte die Aufgabe, es umzuwerfen. Für mich war es in Ordnung – meine Tochter wollte dann auch einen Bereich, in dem Sachen von ihr stehen bleiben durften. Ein weiteres Spiel in diesem frühen Alter war das „Musik-Spiel“, mein Sohn durfte die Klanghölzer auf den Boden hämmern, meine Tochter oder ich nahmen das Xylophon. Er wollte dann immer das, was die andere Person hatte, so wurde ein Spiel daraus, bei dem die Klanghölzer immer weitergegeben wurden und weitere Klopfgegenstände dazu kamen und wir eine Art „Hölzlein wechsel dich“ spielten – auf das (nonverbale) Kommando des Kleinen.

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